Liebenau (dpa) l Der Steinadler nähert sich mit kräftigen Schwingenschlägen dem Fuchs, doch dann dreht er ab. Der gejagte Jäger war schlau und hat sich in dem Rübenschlag geduckt, weg ist er. Der mächtige Vogel gleitet über den Fluss und landet hinter einem Erdwall. Hier in Norddeutschland ist der Steinadler ein extrem seltener Anblick, doch er hat sich nicht aus den Alpen in das flache Land an der Weser zwischen Hannover und Bremen verirrt. Der Vogel heißt „Nordmann“, er jagt an diesem Herbsttag auf Hase und Fuchs, mit seinem Besitzer, dem Falkner André Knapheide.

Hubertustag am 3. November

Hierzulande gibt es mehr als 380.000 Jäger, doch nur rund tausend gelten als aktive Beizjäger, die mit einem Greifvogel statt mit dem Gewehr losziehen. Schutzpatron der Jäger ist der Heilige Hubertus von Lüttich. Der Legende nach galt er als rücksichtsloser Jäger, bis ihm ein weißer Hirsch mit Kruzifix im Geweih begegnete. Die Weidmänner feiern jährlich am 3. November den Hubertustag. Aber was macht die Jagd mit dem Vogel so interessant?

„Falknerei ist kein Hobby wie andere, das ist eine Lebenseinstellung“, erklärt Knap­heide, in der Falknersprache ein Adlermann. „Mit Beruf und Familie ist das nur vereinbar, wenn Strukturen und Zeit vorhanden sind“, sagt der 51-jährige Rechtsanwalt aus Osnabrück. Die Haltung ist enorm zeitaufwendig, doch Knapheide hat Glück. Seine Partnerin ist auch Falknerin, sie hat einen Habicht.

Falknerei als Weltkulturerbe

In Deutschland gehört die Falknerei zum Weltkulturerbe; die Beizjagd entstand vor fast viertausend Jahren in Zentralasien. Der Falkner ist dabei ein Jagdgefährte, nicht der alles bestimmende Herr wie bei einem Hund. „Die Bindung zwischen Adler und Mensch ist persönlicher und intensiver als die mit anderen Greifvogelarten“, erklärt Knapheide. Die Beziehung kann länger als manche Ehe dauern, ein Steinadler kann 40 Jahre und älter werden. „Es ist faszinierend, das man einem nicht domestizierten Wildtier die Freiheit gibt und es freiwillig zurückkommt.“

„Nordmann“ aber sitzt noch immer am anderen Ufer der Weser, er ist außer Sicht. Knap-heide fährt über die nächste Brücke. Nach gut einer Stunde kommt er zurück, den Vogel hinten im Auto. „Abenteuer pur“, sagt der Adlermann lachend und sichtlich erleichtert. Dass der Hase im Kropf seines Vogels statt in der Falknertasche für den Sonntagsbraten gelandet ist, mindert seine Freude am Ende nicht.