Potsdam/Magdeburg (dpa/sj) l Im Skandal um mutmaßlich aus Griechenland gestohlene Krebsmedikamente, die durch den Brandenburger Pharmahändler Lunapharm weitervertrieben wurden, ist auch eine Apotheke in Sachsen-Anhalt beliefert worden. Nach Aussagen des Sozialministeriums handelt es sich um die Apotheke in Lostau (Jerichower Land). Sie hatte im Februar 2017 zehn Fertigspritzen des Krebsmedikaments Xgeva 120 mg bei Lunapharm eingekauft und an die Lungenklinik Lostau abgegeben. Alle Packungen seien in der Zeit vom 9. bis 16. März 2017 an Patienten verabreicht worden.

Lunapharm wird vorgeworfen, Krebsmedikamente, die in Griechenland gestohlen worden waren, verkauft zu haben. Da bezweifelt wird, dass die Medikamente vorschriftsgemäß gelagert wurden, besteht der Verdacht, dass sie möglicherweise nicht voll oder sogar unwirksam waren, als sie an Apotheken ausgegeben wurden.

Obwohl es bereits im Dezember 2016 erste Hinweise auf Unstimmigkeiten gab, wurde lange nichts gegen den Lunapharm unternommen. Erst jetzt – nach einem Medienbericht – reagieren die Behörden: Die Staatsanwaltschaft durchsuchte am Sonntag das Unternehmen, dem zwei Tage zuvor die Betriebserlaubnis entzogen worden war.

Zudem wurden personelle Konsequenzen im Ministerium veranlasst. Inzwischen wurden Strafanzeigen gegen zwei Mitarbeiter des Landesamtes für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit (LAVG) wegen Korruption gestellt. Für heute wurde auf Antrag der Fraktionen von Grünen und CDU eine Sondersitzung des Gesundheitsausschusses einberufen. Man wolle auf jede Frage eine Antwort haben, kündigte eine Ministeriumssprecherin gestern an.

Ermittlungen wegen Hehlerei

Bei der Durchsuchung des Pharmaunternehmens im Landkreis Teltow-Fläming beschlagnahmte die Staatsanwaltschaft Unterlagen und Medikamente, wie Dorina Dubrau, Sprecherin der Potsdamer Staatsanwaltschaft Anfang der Woche mitteilte. Seit dem Frühjahr wird wegen Hehlerei gegen die Geschäftsführerin und einen Mitarbeiter von Lunapharm ermittelt. Weitere Details wollte die Sprecherin unter Hinweis auf die laufenden Ermittlungen nicht nennen.

Bei einer Inspektion durch das Landesamt seien am vergangenen Freitag bei Lunapharm mehrere unverpackte Arzneimittel, auch mit griechischer Aufschrift, entdeckt worden, die für einen Arzneimittelgroßhandel in Bayern bestimmt waren, sagte Marina Ringel, Sprecherin des Ministeriums. Der Logistiker hatte jedoch die Ware in Hof in Bayern zwischengelagert. Die Auslieferung wurde dann am Sonnabend gestoppt. Aufgrund eines Amtshilfeersuchens prüft seit Montag die zuständige bayerische Behörde die Sicherheit des Vertriebsweges der Medikamente.

„Staatliche Kontrollen haben offensichtlich versagt“, kritisierte Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, am Montag. Opfer der gefährlichen Medikamente seien Hunderttausende Patienten, die Hoffnung auf Heilung haben. „Das ist unerträglich“, sagte er. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse staatliche Kontrollen ausbauen und Schlupflöcher schließen.

Eine Task Force zur Untersuchung der Vorgänge hat die Arbeit im Brandenburger Ministerium aufgenommen. Mit der Berufung von Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Apotheker (AMK), sei auch die AMK nunmehr eingebunden, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung deutscher Apothekerverbände.

Über 500 Anrufe bei Infohotline

Die seit vergangenem Freitag geschaltete Infohotline nutzten inzwischen mehr als 500 Menschen. Sie interessierten sich vor allem für die betroffenen Mittel, deren Namen auf der Internetseite des Ministeriums veröffentlicht wurden, wie es hieß. Patienten, die eines der Medikamente erhalten hatten, wurden gebeten, sich mit dem behandelnden Arzt in Verbindung zu setzen. Der könne wissen, welche Apotheke es geliefert habe. Die könne wiederum nachweisen, ob es von dem nun durchsuchten Brandenburger Händler stammte.

Lunapharm war am vergangenen Freitag die komplette Betriebserlaubnis entzogen worden. Im Juni 2017 war nur der Handel mit einer griechischen Apotheke untersagt worden, weil die kein Großhändler war.

Der Skandal beschäftigt schon seit längerem Griechenland. Nach mehrmonatigen Ermittlungen der Polizei liegt der Fall seit Ende Mai in den Händen der Justiz. Die Untersuchungen dauerten noch an, hieß es. Nach ersten Erkenntnissen sollen die Medikamente in Krankenhäusern gestohlen und nach Deutschland mit hohem Gewinn exportiert worden sein.

Mediziner sollen die Versicherungsnummern ahnungsloser Patienten genutzt haben, um Arzneimittel zu bestellen. Das Brandenburger Ministerium hat bislang nach eigenen Angaben keine offizielle Bestätigung der griechischen Behörden und Arzneimittelüberwachung erhalten, dass die Medikamente gestohlen waren.