Giresun (dpa) l Ein melodisches Pfeifen durchschneidet die Stille. Yilmaz Civelek (47) legt die Finger an den Mund und zwitschert hinunter ins grüne, hügelige Nichts. „Wink mal rüber“, sollte das heißen, sagt Civelek. Eine Gestalt löst sich aus dem Hang, schickt einen kurzen Pfeifton zum Gruß zurück und hebt die Hand. Sie wirkt klein wie eine Legofigur. Civelek freut sich angesichts der Bestätigung. Er gehört zu den Wenigen, die noch die türkische Pfeifsprache (islik dili) beherrschen.

Weil sie dem Zwitschern eines Vogels ähnelt, nennen die Einheimischen sie einfach nur Vogelsprache. Nur noch geschätzt 10.000 Menschen beherrschen sie. Wie alt die Vogelsprache ist, kann keiner sagen. Vor allem Hirten benutzen das Gezwitscher, um sich über große Entfernungen zu verständigen. Einige Dörfer in der Region liegen nur mehrere Hundert Meter über dem Meeresspiegel. Die Weiden und die „Hochplateaus liegen dagegen teils in 1800 Metern Höhe. Die Häuser sind durch tiefe Täler voneinander getrennt. Mit Worten könnte man sich über diese Distanzen nicht verständigen. Die Pfeifsprache aber überbrückt mehrere Kilometer.

Inzwischen gibt es nur noch wenige Hirten. „Und da ist die Technologie, die Mobiltelefone“, seufzt Civelek. Die haben auch in den Bergen Empfang. Civelek stammt aus Kusköy – dem Vogeldorf in der Provinz Giresun. Civelek ist ein lebenslustiger Mann mit dunklem Schnurrbart und breitem Lachen.

Vogelsprache in Kursen unterrichten

Wie die meisten seiner Generation ist er mit der Vogelsprache aufgewachsen. Heute wohnt er in der Stadt Giresun und arbeitet als Hausmeister. Civelek will verhindern, dass die Vogelsprache ausstirbt. Und hat dafür einen Plan. Er engagiert sich im Vogelsprachenverein von Kusköy und will sein Können in Kursen unterrichten. Im Sommer verbringt Civelek viel Zeit auf dem Hochplateau. Dort hat er mit seiner Frau ein kleines Haus gebaut. Seine Schwester Muazzez Köcek wohnt nebenan. Civeleks Schwester gilt als eine der besten Pfeiferinnen im Dorf. Beim Wettbewerb, der jährlich zum Vogelsprachenfestival in Kusköy abgehalten wird, hat sie schon dreimal den ersten Platz der Frauen belegt.

Köcek kann nur mit der Zunge pfeifen – anders als Civelek, der wie in der türkischen Vogelsprache üblich, mit den Fingern pfeift. Je nach Entfernung, die er dabei überbrücken will, steckt er dazu nur den Zeigefinger oder mehrere Finger in den Mund. Um sich über eine Entfernung von geschätzt fünf Kilometern zu verständigen, nimmt er die zweite Hand zur Hilfe und bildet damit einen Hohlraum. Die Pfeifsprachen gibt es nicht nur in der Türkei. Die bekannteste ist wohl die „El Silbo“ genannte Sprache auf der Kanareninsel La Gomera. Die türkische Pfeifsprache vertont quasi das Türkische.

Einsatz im Such- und Rettungsdienst

Musa Genc, Dekan der Tourismus Fakultät von Giresun, will verhindern, dass die Sprache in Vergessenheit gerät. Der 58-Jährige stammt eigentlich von der Westküste, hat es sich aber in den Kopf gesetzt, die Vogelsprache zu schützen, und weiter zu erforschen. Einen Pfeifsprachenkurs will er in spätestens drei Jahren anbieten und dafür ein Zertifikatsprogramm für zukünftige Lehrer wie Civelek entwickeln und ermöchte sie im Such- und Rettungsdienst einsetzen.