Wittenberge (dpa/ksi) l Der Geruch von Öl und Eisen, die Geräusche ratternder Nähmaschinen gehörten einst zu Wittenberge (Prignitz) dazu wie die Elbschifffahrt. Das alles ist heute im Stadtmuseum zu besichtigen. Das Interesse an der Industriegeschichte Wittenberges nimmt zu, wie Museumsleiterin Birka Stövesandt sagt. Seit ein paar Jahren gingen die Touristenzahlen nach oben. Besonderer Magnet und Wahrzeichen sei der Uhrenturm des 1991 geschlossenen Nähmaschinenwerkes. Das Denkmal ist seit 2004 Teil des Museums.

Die Produktionsstätte für Nähmaschinen in der Elbe-Stadt wurde im April 1903 vom amerikanischen Singer-Konzern eröffnet. 1928 entstand auf dem Werksgelände die mit 50 Metern Höhe größte freistehende Turmuhr auf europäischem Festland. Früher diente der Bau als Wasserspeicher zur Versorgung des wachsenden Werkes. Heute dokumentiert eine Ausstellung auf mehreren Etagen die Geschichte der Fabrik für Näh- wie auch Strick- und Bügelmaschinen.

Ein Lebensnerv der Region

Daneben bewahrt das Museum „Alte Burg“ in der Wittenberger Altstadt etwa 40 weitere Originale auf, allesamt repariert und voll funktionstüchtig, wie Stövesandt erklärt. Insgesamt umfasse die Sammlung mehr als 300 historische Haushalts- und Industriemaschinen vor allem der Marken „Singer“ und „Veritas“, des 1955 für die Wittenberger Produktion übernommenen Warenzeichens. Die Fabrik, die dem US-Konzern nie enteignet wurde, galt mit mehr als 3000 Beschäftigten als Lebensnerv der Region.

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Nach gut 14 Millionen Nähmaschinen, rund die Hälfte davon wurden zu DDR-Zeiten gebaut, ging Ende 1991 im Werk das Licht aus: Die letzte „Veritas rubina“, symbolisch schwarz lackiert, lief vom Band, die Ära der flinken Nadeln war für Wittenberge beendet. Immerhin: Den riesigen Vorrat Einzelteile kauften ehemalige Werksarbeiter auf und gründeten in einer der alten Fabrikhallen den florierenden „Veritas Nähmaschinen Ersatzteilservice“. In den eineinhalb Jahrzehnten nach Werksschließung stieg die Arbeitslosigkeit in der Region auf mehr als 20 Prozent. „Um die Jahrtausendwende lag der Industriestandort am Boden“, sagt Wittenberges Bürgermeister Oliver Hermann (parteilos). Nur langsam erhole sich die Wirtschaft. Neue Unternehmen siedelten sich in Wittenberge an. Die Arbeitslosenquote im Kreis halbierte sich auf acht Prozent.

Viele Schließungen nach der Wende

Die Erfolgsstrategie des Bürgermeisters von Wittenberge klingt im ersten Moment überraschend. „Es geht längst nicht mehr um die Ansiedlung von möglichst vielen neuen Arbeitsplätzen wie in den 1990er Jahren“, sagt Oliver Hermannn. „Wir investieren in das Stadtbild und die Lebensqualität, um unsere Bürger in der Stadt zu halten und neue anzulocken.“ Denn in Wittenberge (Prignitz) sterben weiterhin pro Jahr etwa 200 Menschen mehr, als geboren werden - so kann nur Zuzug die Bevölkerungszahl stabil halten.

Und eine etwa seit 2010 stabile Einwohnerzahl von gut 17 000 sei schon ein großer Erfolg in einer Stadt, in der es nach der Wende 20 Jahre lang nur in eine Richtung ging - nämlich bergab, erläutert Hermann: Von gut 30 000 Einwohnern im Jahr 1990 auf rund 17 500 im Jahr 2012. Ein großes Nähmaschinenwerk, eine Zellstofffabrik und eine Ölmühle mit mehreren tausend Arbeitsplätzen waren nach der Wende geschlossen worden.

Verlockende Mietpreise

Fernsehteams kamen damals nach Wittenberge, um Bilder vom „kaputten Osten“ einzufangen. „Da gab es für junge Leute nur einen Rat: „raus aus der Stadt“, sagt der Bürgermeister. „Jetzt kommen einige von ihnen in der Familienphase in die Heimat zurück.“

Hinzu kommen Neubürger aus dem Umland oder etwa aus Hamburg, Berlin und Leipzig, die mehr Ruhe suchen oder sich dort die Mieten nicht leisten können. In den mittlerweile aufwendig sanierten Gründerzeitvierteln von Wittenberge liegt die Kaltmiete zwischen fünf und sechs Euro pro Quadratmeter, Grundstücke sind ab 30 Euro pro Quadratmeter zu haben. Gerade für große Familien aus teuren Großstädten sind das verlockende Angebote. „Die Häuser und Wohnungen sind sofort weg, wenn sie saniert sind“, berichtet Hermann. „Zur Wende stand die Stadt schlimmer da als nach dem Zweiten Weltkrieg“, meint der Bürgermeister. „Man musste zunächst Straßen und Plätze sanieren - dann kommen auch die privaten Investoren und setzen Häuser instand.“

Bahnhof wird zur Bibliothek

Straßenzug um Straßenzug wurden der Altbaubestand saniert und im Gegenzug Plattenbauten abgerissen. Das von der Deutschen Bahn aufgegebene historische Bahnhofsgebäude will die Stadt dieses Jahr kaufen und dort unter anderem eine Bibliothek unterbringen. An der Haupteinkaufsstraße werden Plattenbauten mit Fassaden im Stil der Gründerzeit oder der Bauhaus-Epoche verziert. „So bekommt die Stadt wieder ein Gesicht“, meint der Bürgermeister.

Auch der Tourismus gewinne an Fahrt, erklärt Uwe Neumann, Leiter des städtischen Kultur-, Sport- und Tourismusbetriebes. Allein in der Stadt Wittenberge stiegen die Gästezahlen von 22 000 Besuchern im Jahr 2013 auf rund 28 000 im vorigen Jahr. Die Zahl der Übernachtungen erhöhte sich im selben Zeitraum von rund 41 000 auf 53 000. Wichtiges Lockmittel sei die Industriegeschichte, ist Neumann überzeugt.

Fördergelder für ein Museum

Ursprünglich mit Fördergeld vom Arbeitsamt wurde die Nähmaschine, die in der DDR praktisch in jedem Wohnzimmer zu finden war, samt ihrer Historie und Produktion ins Museum gerettet: Eine Schauwerkstatt entstand in der Alten Burg, später eine weitere Ausstellung im Uhrenturm, erzählt Museumsleiterin Stövesandt.

Inzwischen zähle das Stadtmuseum sogar pro Jahr rund 3500 Besucher und der Turm allein von Mai bis September rund 1400 Gäste. Darunter seien auch Schulklassen und Technikfans, vor allem aber alte Nähmaschinen-Werker.

Dass es mit dem modernen Wittenberge wieder bergauf geht, will die Elbe-Stadt am nächsten Wochenende beweisen. Vom 25. bis 26. August findet der traditionelle Brandenburg-Tag mit dem maritimen Thema „Leinen los zum Landesfest“ statt.