Erfurt (dpa) l Um auch in Zukunft den deutschlandweiten Bedarf an Gips abdecken zu können, haben Industrievertreter in Erfurt die Ausweitung von heimischen, aber umstrittenen Abbauflächen gefordert. Gerade angesichts der Pläne zum Kohleausstieg sei in den kommenden Jahren mit einem höheren Bedarf an Naturgips zu rechnen, sagten Vertreter der Arbeitsgemeinschaft Harzer Gipsunternehmen (AHG).

Bisher fiel bei der Rauchgasentschwefelung von Kohlekraftwerken Gips ab. Mit dem Ausstieg aus der Kohleverstromung breche dieser sogenannte REA-Gips weg. „Wir müssen den REA-Gips-Wegfall mit Naturgips ersetzen“, sagte Holger Ortleb, Geschäftsführer des Bundesverbandes der Gipsindustrie. Allein durch Recycling von Gips lasse sich die Lücke nicht schließen. Importe seien ökologisch nicht vertretbar.

Verwendung für Trennwände

Vor allem im Trocken- und Leichtbau, etwa für Trennwände und abgehängte Decken, findet Gips Verwendung. Der Bedarf in Deutschland belaufe sich auf etwa zehn Millionen Tonnen jährlich, so Ortleb. Bisher werde dieser zu 100 Prozent aus heimischen Rohstoffquellen gedeckt. Wobei die Mehrheit davon aus Abbaugebieten im Südharz stamme, also aus Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, vor allem aber aus dem Landkreis Nordhausen in Thüringen.

Aktuell ließe sich der Bedarf etwa zu gleichen Teilen durch Naturgips und REA-Gips decken. Recycelter Gips spiele nur eine geringe Rolle. Daran ändere sich auch bis 2035 nichts. Bis dahin sei nur noch mit etwa einer Million Tonnen REA-Gips im Jahr zu rechnen, stellten die Vertreter mit Verweis auf eine Studie der Baustoffindustrie dar. Deutschlandweit sei eine Verdopplung der jetzigen Gipsabbauflächen nötig, um den Ausfall zu kompensieren, schätzte AHG-Sprecher Lars Kothe. Vor allem eine Ausweitung der guten Flächen in Thüringen sei naheliegend.

Widerstand vom BUND

Doch dagegen gibt es schon seit Jahren Widerstand von Naturschützern, aber auch Anwohnern. Die Gipskarst-Landschaft im Norden Thüringens gilt als einmalig und besonders artenreich. Schon jetzt liegen dort auch Naturschutzgebiete. Bereits in der Vergangenheit hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisiert, dass durch die industrielle Gewinnung des Baustoffs in der Region um Nordhausen bereits mehr als 250 Hektar Landschaft verloren gegangen seien.

Dass es keine wirkliche Alternative zum Naturgips gebe, lässt der Thüringer BUND-Geschäftsführer, Burkhard Vogel, nicht gelten. Er verwies darauf, dass lange Zeit auch der REA-Gips von der Industrie nicht als Ersatz wahrgenommen worden sei. Zudem falle in der chemischen Industrie Gips als Nebenprodukt an. „Da liegen riesige Potenziale, die bisher nicht in Deutschland genutzt wurden“, so Vogel. Die Branchenvertreter schätzen, dass der Gipsabbau im Südharz in der Theorie mehrere hundert Jahre möglich sei. Im Falle von Spezialgipsen wird je nach Abbauentwicklung von 20 bis 30 Jahren ausgegangen, bis das dortige Vorkommen erschöpft ist.