Volksstimme: Herr Köhn, wie ist der Maschinenbau in Sachsen-Anhalt aufgestellt?

Oliver Köhn: Der Maschinenbau im Land ist stark. Hier haben rund 70 Unternehmen mit mindestens 50 Mitarbeitern ihren Standort. Derzeit finden circa 12 000 Beschäftigte ihre Heimat in der Branche. Die Unternehmen erzielten 2019 etwa 2,4 Milliarden Euro Umsatz, allein zwischen 2010 und 2018 stieg dieser um 40 Prozent.

Wo liegt die Stärke von Sachsen-Anhalt im Vergleich zu den anderen ostdeutschen Ländern?

Vor allem in der Vielfalt. Es gibt dynamische Unternehmen, die die Verpackungs- oder Nahrungsmittelindustrie beliefern. Mit einem großen Player wie FAM ist Sachsen-Anhalt ebenso stark beim Thema Bergbaufördertechnik. Die Erneuerbaren Energien sind enorm gewachsen, auch wenn es das Solar-Valley in der Form nicht mehr gibt. Dafür werden in Bitterfeld nun Batterien produziert, in der Börde expandiert der Batterie- und Brennstoffzellenspezialist Horiba. Diese Technologien werden eine wichtige Rolle spielen.

Corona hat die Branche in die Bredouille gebracht. Wie sieht es derzeit aus?

Im Vergleich zum späten Frühjahr hat sich die Situation etwas entspannt. Vieles hängt nun vom weiteren Pandemieverlauf ab. Doch es schwingt Hoffnung mit, dass sich der Auftragseingang stabilisiert. Im September hatte die Inlandsnachfrage wieder angezogen, die Aufträge aus dem Ausland liegen jedoch noch immer deutlich unter 2019. Insgesamt wurden im ersten Dreivierteljahr 16 Prozent weniger Maschinen bestellt. Das ist eine Menge. Zu schaffen macht uns vor allem die fehlende Nachfrage aus dem europäischen Ausland.

Sie sprechen den Export an. Können die ostdeutschen Länder da generell zulegen?

Hier ist deutlich Luft nach oben. Der gesamtdeutsche Maschinenbau hat eine Exportquote von 80 Prozent, der ostdeutsche nur rund 50 Prozent. Dabei gibt es Exportmärkte mit so großem Potenzial. Die Musik spielt vermehrt in Ländern wie Vietnam, Indonesien, Thailand oder Malaysia. Länder, die im Übrigen eine hohe Affinität zu deutscher Ingenieurskunst und zu unserem Know-how haben.

Wo liegen die Gründe für die niedrige Exportquote?

Im Osten dominieren kleine und mittlere Unternehmen. Im Gegensatz zu Konzernen sind hier die Vertriebsabteilungen kleiner, um bestimmte Märkte zu bearbeiten. Sie müssen sich zwangsläufig auf ausgewählte Märkte konzentrieren, zudem sind die finanziellen Ressourcen kleiner. Zuweilen tun sich die Unternehmen auch mit Märkten vor der Haustür leichter. So war lange Zeit der Draht etwa nach Russland oder Polen historisch gesehen besser. Doch einige stoßen nun an Wachstumsgrenzen.

Was muss passieren?

In vielen Unternehmen ist der Generationenwechsel im vollen Gange. Und hier liegt eine Chance, zu schauen: Welche Länder könnten unsere Produkte vielleicht ganz gut gebrauchen? Verschiedene Initiativen in den Bundesländern und auch wir als Verband können da unterstützen. Lerneffekte ergeben sich durch Vernetzung, durch Erfahrungsaustausch, das gilt nicht nur für das Exportgeschäft.

Zurück zum Thema Corona: Welche Auswirkungen hat Pandemie für die Beschäftigten im Maschinenbau?

In Sachsen-Anhalt sind bei den Maschinen- und Anlagenbauern 700 Jobs weggefallen, in Ostdeutschland 4000. Kurzarbeit hat geholfen, dass es bisher nicht mehr sind. Die Unternehmen können sich kaum leisten, Beschäftigte zu verlieren. Schon vor Corona gab es eine massive Fachkräftelücke. Zieht die Konjunktur wieder an, wird es schwierig, neue Mitarbeiter zu finden. Gleichzeitig hat die Pandemie positive Veränderungen bewirkt. Die Flexibilität der Arbeitswelt hat in einigen Unternehmensteilen eine neue Stufe erreicht. Das ermöglicht Arbeitnehmern bestimmter Aufgabenbereiche auch neue Perspektiven.

Gibt es Teilbranchen, die besonders kämpfen müssen?

Ja. In einigen Zweigen wie der Landtechnik läuft es momentan rund. Bei den Werkzeugmaschinenbauern hingegen muss zum Beispiel in diesem Jahr mit einem Minus von etwa 30 Prozent gerechnet werden. Der Bereich war allerdings schon 2019 ins Minus gerutscht. Hier spielt der Strukturwandel eine Rolle. Ein Elektroauto ist längst nicht so komplex wie ein Verbrenner. Fräsen, Drehmaschinen, Stanzen oder Pressen werden immer weniger benötigt. Man muss sich das klarmachen: Baugruppen, Getriebe, ganze Montagelinien fallen weg.

Wird der Transformationsprozess in der Autoindustrie Jobs kosten?

Die Gefahr von Insolvenzen besteht. In Ostdeutschland gibt es Zulieferer mit hohem Automotive-Anteil. Vieles wird davon abhängen, inwieweit die Unternehmen in der Lage sind, sich mit neuen Geschäftsmodellen und Produkten auf die veränderte Situation einzustellen. Klar ist: Wir müssen die CO2-Emissionen drastisch senken, die Umstellung vom Verbrenner auf alternative Antriebe kann jedoch nur schrittweise und nur mit den richtigen Rahmenbedingungen gelingen. Jetzt einseitig auf Elektromobilität zu setzen, geht momentan an den Kunden vorbei und schadet obendrein den Herstellern und den Zuliefererbranchen wie dem Maschinenbau.

Ein Transformationsprozess steht auch in den Braunkohleregionen in Mitteldeutschland oder der Lausitz an. Was passiert mit den Maschinen- und Anlagenbauern?

Der Kohle-Ausstieg bis 2038 ist beschlossen, daran lässt sich nicht rütteln. In der Region müssen nun Arbeitsplätze und Wertschöpfung, wie von der Regierung beschlossen, erhalten werden. Wichtig wird es sein, Unternehmen anzusiedeln, die sich mit Zukunftstechnologien wie Batterien oder Wasserstoff befassen. Um die in die Regionen zu bringen, muss Geld in die Hand genommen werden. Wir brauchen vor allem Investitionen in die Infrastruktur, in Forschung und Entwicklung. Dann haben die Menschen in den Braunkohleregionen auch eine lebenswerte Perspektive.

Gewinnt Klimaneutralität an Bedeutung bei Ihren Unternehmen?

Ganz klar. Klimaneutralität ist längst nicht mehr nur ein Schlagwort, sondern das erklärte Ziel. Nehmen Sie das Beispiel Bosch. Das Unternehmen will bis 2022 klimaneutral sein. Immer mehr Mitglieder fragen uns konkret: Was müssen wir tun, um den Prozess voranzubringen? Lieferanten etwa eines Autokonzerns werden zukünftig nicht nur ein qualitativ hochwertiges und preislich attraktives Produkt bereitstellen müssen. Es ist auch wichtig, dass der CO2-Fußabdruck stimmt.

Ein Zukunftsthema ist auch Digitalisierung. Wie weit sind wir im Vergleich zu anderen?

Mir imponiert, wie weit in China die Digitalisierung im Alltag verankert ist. Mit Blick auf Infrastruktur, technische Ausstattung und Medienkompetenz hat Deutschland noch Nachholbedarf. Der deutsche Maschinenbau jedoch bietet seinen Kunden spannende digitale Produkte. Künstliche Intelligenz hält vielfach Einzug. Selbstlernende Systeme beispielsweise beheben Fehler, Verschleißteile werden rechtzeitig erkannt, bevor eine Maschine ausfällt. Stärker als bisher müssen wir nun noch die eigenen Produktionsabläufe digitalisieren.