Magdeburg l Sachsen-Anhalts Umweltministerin Claudia Dalbert (Grüne) hat einen Öko-Aktionsplan für die Landwirtschaft angekündigt. Der soll für die Jahre 2018 bis 2021 gelten und die Weiterentwicklung des ökologischen Landbaus in Sachsen-Anhalt stärken. Und auch dem Insekten- und Vogelsterben würde durch mehr ökologischen statt konventionellen Landbau entgegengewirkt werden, hofft die Ministerin. Denn wie in ganz Deutschland, stehe es auch in Sachsen-Anhalt um die Artenvielfalt schlecht. In einer Landtagssitzung im August 2017 hatte Claudia Dalbert vorgerechnet: „Mindestens 1293 Arten gelten für das Bundesland Sachsen-Anhalt als ausgestorben oder verschollen.“

14 Vogelarten ausgestorben

Laut der Roten Liste der Brutvögel von 2017, erstellt unter anderem vom Ornithologenverband Sachsen-Anhalt und dem Naturschutzbund (Nabu) Sachsen-Anhalt, zeigen rund die Hälfte der 202 ausgewerteten Arten rückläufige Bestände. Am stärksten betroffen sind Vögel der Agrarlandschaft. Auch Vögeln in Siedlungsbereichen geht es zunehmend schlechter.

Mit 74 Vogelarten befinden sich mehr als ein Drittel der regelmäßigen Brutvogelarten Sachsen-Anhalts auf der sogenannten Roten Liste. Darunter 14 Arten, die mittlerweile in Sachsen-Anhalt ausgestorben sind. Zuletzt verschwand das Birkhuhn aus dem Bundesland. Weitere 15 Arten dieser Liste gelten als akut vom Aussterben bedroht.

Eine Studie zum Thema Artensterben, die im Oktober in der Fachzeitschrift Plos One veröffentlicht wurde, alarmiert zudem. In Deutschland gibt es durchschnittlich 76 Prozent weniger Fluginsekten als vor 30 Jahren. In den Sommermonaten sind es sogar 82 Prozent weniger. Ermittelt wurden diese Zahlen in 63 Naturschutzgebieten. Außerhalb von Naturschutzgebieten könnte der Insektenschwund noch größer sein.

Geht es den Insekten schlecht, steht es auch um die Natur allgemein schlecht. Denn Insekten bilden die Grundlage des Naturkreislaufs. Sie bestäuben Blüten, die viele Vögel als Futter benötigen und insbesondere Jungvögeln als Nahrungsgrundlage. Fehlt Insekten also die Nahrung, fehlt auch Vögeln das Futter. Auch für den Menschen bringen fehlende Insekten Probleme mit sich. Denn aus den bestäubten Blüten entwickelt sich auch unser Obst und Gemüse.

Nahrungsgrundlage fehlt

Den Grund dafür sieht Ernst Paul Dörfler aus Steckby bei Zerbst in der konventionellen Landwirtschaft. „Durch Monokulturen fehlen vielerorts Wildkräuter und somit die Nahrungsgrundlage für Insekten“, sagt er. Ernst Paul Dörfler ist Mitglied im BUND und Mitbegründer der Grünen Partei in der DDR. Er arbeitet als freiberuflicher Autor und hat mehrere Bücher über Vögel geschrieben.

Auch die Autoren der Studie machen für die alarmierenden Zahlen vor allem die intensive Landwirtschaft samt dem Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln verantwortlich.

Dem widerspricht der Bauernverband Sachsen-Anhalt. Zwar bestätigt Verbandssprecher Christian Apprecht, dass Landwirtschaft sicherlich einen Einfluss auf unsere Natur habe. Er findet aber fraglich, „ob die Art unserer Landbewirtschaftung gleich für das Sterben ganzer Arten verantwortlich gemacht werden kann oder ob es nicht ein komplexes Zusammenspiel vieler Faktoren ist“.

Seitens des Umweltministeriums wird jetzt gehandelt. Der Öko-Aktionsplan gibt Bauern höhere finanzielle Anreize, von der konventionellen Landwirtschaft zum Ökolandbau zu wechseln. Statt bisher 750 Euro pro Hektar für eine Dauerkultur gibt es laut Öko-Aktionsplan in den ersten zwei Jahren jetzt 1657 Euro. Angepasst wurden diese Flächenprämien auch für Ackerland, Grünland und Gemüse.

So sollen 2021 20 Prozent der Agrarflächen in Sachsen-Anhalt ökologisch bebaut werden. Aktuell sind es 6,1 Prozent. Hauptgrund für die gewünschte Umstellung: die Nachfrage nach Öko-Produkten im Bundesland wächst seit Jahren stärker, als Produkte in der Region erzeugt werden. Und auch die Umwelt soll von mehr ökologisch bewirtschafteten Flächen profitieren. Immerhin werden rund 62 Prozent der gesamten Fläche Sachsen-Anhalts landwirtschaftlich genutzt.

Gifte schaden Insekten

Durch die Umstellung auf ökologischen Anbau eröffnen sich für Insekten wieder neue Nahrungsquellen, die sie auf konventionell bestellten Flächen mit Monokulturen nicht finden. Denn durch diese bleiben für Hecken und artenreiche Wiesen, für Bäume, Sträucher und Stauden kein Platz. Auch der Einsatz von Insektengiften und Herbiziden führe zum Artensterben. Ein weiteres Problem: Eine Fläche von rund 94 Fußballfeldern pro Tag fällt allein in Deutschland dem Bau von Siedlungen und Straßen zum Opfer. Versiegelte Böden und gerodete Wälder rauben vielen Tierarten die Lebensgrundlage.

Ob der Öko-Aktionsplan konventionelle Landwirte motiviert, auf Ökoanbau umzustellen, wird sich zeigen. Ein Indiz für den Erfolg könnten sinkende Zahlen bedrohter Arten auf der Roten Liste des Nabu sein.