Magdeburg l Der Standort des Fraunhofer-Instituts im Magdeburger Wissenschaftshafen. Bei Professor Michael Schenk hat sich auf den ersten Blick nicht viel verändert. Er schüttelt Hände, plaudert im Foyer des Gebäudes mit Mitarbeitern. Noch immer begeistert sich der 66-Jährige für den weithin sichtbaren bläulich schimmernden Zylinder des Elbedomes. Maschinen, Fabriken oder Städte werden im darin verborgenen 3D-Labor virtuell begehbar. Der Elbedome ist eines von Schenks Prestige-Projekten.

25 Jahre war er Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF). Den Staffelstab hat Schenk vor knapp drei Monaten an die neue Leiterin Julia Arlinghaus weitergereicht. Er könne jetzt gut die Leinen loslassen, sagt der passionierte Segler. Wenn seine Meinung aber gefragt ist – er wäre zur Stelle, sagt er. Aufdrängen will er sich nicht. Er betrachte sich nun guten Gewissens als „Pensionär“, sagt er und schickt ein vielsagendes Lächeln hinterher.

Rückblick auf den Startschuss für Fraunhofer in Magdeburg 1992: Die Einrichtung ist zunächst befristet. Der Status als Institut folgt erst 1993. Schenk leitet anfangs die Abteilung Logistik, Produktionsplanung und -steuerung. Das Team bezieht für seine Arbeit ein unsaniertes Haus im Magdeburger Stadteil Buckau. Die neu angeschafften Drucker, ein Roboter und Messmaschinen können nicht aufgestellt werden, weil der Boden nachzugeben droht. „Alles war so schief, dass sich sogar die Bürostühle selbständig machten“, erinnert sich Schenk. Pragmatisch heißt es deshalb in dieser Zeit gegenüber Kunden: „Wir kommen gern zu Ihnen, um uns Ihre Produktion vor Ort anzusehen.“ Jemanden in dem Abrisshaus zu empfangen – völlig undenkbar sei das gewesen, sagt Schenk.

Was in diesen Monaten in dem provisorischen Gebäude entsteht, ist ein Wir-Gefühl im Team. Etwas aufzubauen, was es in den neuen Bundesländern in der Form bislang nicht gibt – eine riesige Herausforderung. Die Verträge sind auf zwei Jahre befristet. Erst wenn die Projektgruppe erfolgreich ist und wächst, kann eine selbständige Einrichtung entstehen. Das schweißt zusammen. Bei den potenziellen Kunden muss in den Anfangsjahren Überzeugungsarbeit geleistet werden. Schenk erinnert sich an eine Präsentation bei BMW in Regensburg. Der 3er wird dort hergestellt. Vor Werk- und Abteilungsleitern soll er seine Referenzen im Autobau präsentieren. „Geht nicht so recht, ich bin ein Ostprodukt“, sagt er. Er bietet nicht ganz ernstgemeint an, von einem Dispositionsmodell für das Wartburg-Werk in Eisenach zu berichten. Die Verantwortlichen sind etwas irritiert, doch Schenk überzeugt mit seinem Konzept. Mehrfach wird die Fraunhofer-Mannschaft in den kommenden Jahren mit dem Automobilhersteller zusammenarbeiten.

Über die Jahre steigt das IFF zum weltweit gefragten und agierenden Forschungsdienstleister auf. Das Institut ist heute System- und Technologiepartner für Industrie, Unternehmen und öffentliche Hand. Die Wissenschaftler unterstützen die Industrie beim Planen, Entwickeln, Ausrüsten und Betreiben von Arbeits-, Produktions- und Logistiksystemen. Seit 1994 lenkt Schenk als Institutsleiter diese Entwicklung. Nicht nur einmal lehnt er das Angebot einer Hochschule oder eines Unternehmens ab, weil ihn die Aufgabe in Magdeburg begeistert.

Dass er einmal ein Fraunhofer-Institut leiten würde, war nicht unbedingt abzusehen. 1953 wird Schenk in Roßlau geboren. In Jena wächst er auf. Er besucht ab der siebten Klasse eine Spezialschule mit Ausrichtung auf Mathematik und Physik. Fachkräfte für die optische Industrie werden dort geformt. Schenk gefällt es, die Zeit prägt ihn. Nur kurz denkt er dennoch darüber nach, Germanistik zu studieren – weil er sich für Literatur begeistert.

Dann aber entscheidet er sich für ein Mathematik-Studium an der Technischen Hochschule Magdeburg. Er promoviert an der Fakultät für Maschinenbau, 1988 die Habilitation. Er wird in Magdeburg zum Professor berufen und ist bis heute Inhaber des Lehrstuhls für logistische Systeme an der Otto-von-Guericke-Universität. Zwei Jahre wird er dort noch seine Promovenden begleiten. „Dann ist aber auch Schluss“, sagt Schenk. „Einen 70-jährigen Doktorvater, den kann niemand ernsthaft wollen“, findet er und lacht.

Fehlen wird Schenk nach eigenem Bekunden der Austausch mit den Studenten, wie auch mit den Absolventen am Fraunhofer-Institut. Stets hätten sie neues Wissen eingebracht. Das gepaart mit dem Know-how und der Erfahrung der erfahrenen Kräfte habe eine tolle Mischung ergeben. Meist zeigte die Lernkurve der Berufsanfänger steil nach oben. Das Institut – in Schenks Augen war es für viele Einsteiger auch eine Schule des Lebens. Und so beliebt, dass nicht wenige blieben. Begeistert habe ihn über die Jahre immer wieder das interdisziplinäre Element. Die Kombination von Wissen und Erkenntnissen über Disziplinen und Fakultäten hinweg. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei etwas Innovatives herauskommt, war und ist sehr hoch, sagt Schenk. Die Innovationen, die das Institut künftig hervorbringen wird – Schenk will sie natürlich im Blick behalten. Er freut sich nun darauf, etwas mehr Zeit für seine Frau, Enkel und Hobbys wie das Segeln zu haben. In Vorbereitung auf den Abschied als Institutsleiter hat er sich übrigens mehrfach Loriots Papa ante Portas angeguckt. Mit mehren hundert Gläsern Senf wie Ruheständler Heinrich Lose im Film hat er seine Frau allerdings noch nicht zu Hause überrascht. Da Hausarbeit nicht seine liebste Disziplin ist, entschwindet er in diesen Momenten aber schon ganz gern mal mit seinem Collie für einen Spaziergang vor die Tür.

Was die Zukunft noch bringt? Michael Schenk geht es gelassen an. Zunächst will er sich neu ordnen. Angebote für neue Betätigungsfelder gebe es. Die Offerten ehren ihn, bekennt er. Sie zeigen ihm, welche Wertschätzung er genießt. Der langjährige Leiter des Fraunhofer-Instituts in Magdeburg – in über 25 Jahren hat er mit seiner Mannschaft viel bewirkt. Mal schauen, was nun kommt.