Magdeburg/Santa Catarina Palopó l Guatemala ist eines der ärmsten Länder Lateinamerikas. 56 Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze. Zugang zu Gesundheitsversorgung ist für viele ein Luxus, Kriminalität an der Tagesordnung. Trotzdem hat es Mona Mijthab dorthin verschlagen. Nicht zufällig, sondern ganz bewusst. Hier, 9400 Kilometer von der alten Heimat Magdeburg entfernt, geht die 31-Jährige ihrer Vision nach, wie die Industriedesignerin sagt: „Vor allem auf dem Lande, wo die Ärmsten der Armen leben, sind fehlende Sanitäranlagen ein Problem. Mit Mosan wollen wir diese Situation ändern.“

Die Folgen einer unzureichenden sanitären Versorgung sind fatal. Die Fäkalien gelangen oft ins Trinkwasser, Krankheiten und Seuchen breiten sich aus. Und die sozial engagierte Frau nennt eine erschreckende Zahl: „Jeden Tag sterben auf der Welt rund 2000 Kinder an Durchfall-erkrankungen, die auf fehlende oder schlechte sanitäre Anlagen zurückzuführen sind.“

Damit will und kann sich Mona Mijthab nicht abfinden. Ihre Lösung des komplexen Problems heißt „Mosan“ – abgekürzt aus den Wörtern Mobile Sanitation. „Um einen Irrtum gleich aus dem Weg zu räumen: Wir verkaufen keine Toiletten, sondern gehen mit Mosan das Problem ganzheitlich an.“

Kernstück des ausgetüftelten Versorgungssystems ist dennoch die Toilette. Deren Prototypen hat die damalige Design-Studentin 2011 im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit an der Hochschule Magdeburg-Stendal entworfen. Vorausgegangen war ein Praktikum in Bangladesch. In den dortigen Slums wurde sie erstmals auf das Problem fehlender sanitärer Anlagen aufmerksam. 2017 ging das Trocken-Klo aus Polyethylen in Serie: Es ist hygienisch sauber, leicht und trotzdem robust, transportabel, braucht keinen Wasseranschluss und lässt sich günstig produzieren. Kot und Urin werden in zwei getrennten Behältern aufgefangen, die zu Sammelstationen gebracht werden.

Doch damit war es aus Sicht von Mona Mijthab längst nicht getan: „Es hat mich nie gereizt, nur ein edles, schickes Produkt zu gestalten. Ich wollte immer etwas entwickeln, das vielen Menschen hilft. Etwas, das umweltbewusst und nachhaltig ist.“ Weshalb sie in ihrem Master-Studium in Zürich einen Schritt weiter ging und den ökologischen Sanitärkreislauf entwickelte, in den die Toilette eingebunden ist.

Aus Exkrementen wird Brennstoff

In der Praxis sieht das Ganze heute so aus: Die gesammelten Exkremente gehen zu einer Recycling-Station. „Hier werden sie zu Dünger oder Brennstoff in Form und verkauft“, erklärt die Unternehmerin. So kann das System nachhaltig und die Wirtschaft angekurbelt werden. Auch neue Arbeitsplätze können entstehen.

Nach der einjährigen Pilotphase in Guatemala, die auch viel Aufklärungsarbeit beinhaltete, um Akzeptanz für Mosan zu schaffen, nehmen Mijthab und ihre inzwischen fünf Mitarbeiter seit 2018 ihr erstes Projekt in Angriff. In Santa ­Catarina Palopó, einer Gemeinde mit 5000 Einwohnern, fehlen oftmals funktionierende sanitäre Anlagen. 80 Prozent der Abwässer fließen ungefiltert in den Atitlán-See.

Doch wie wird nun aus Mosan ein Geschäft? „Als Firma bauen wir das Sanitärsystem gemeinsam mit lokalen Partnern und den Gemeinden auf. Die Gemeinde zahlt für den Service. Zudem fällt auch für die Nutzer der Toilette eine monatliche Mietgebühr an. Die liegt bei fünf Dollar“, erklärt die Industriedesignerin das angedachte Franchise-Modell.

Dennoch sei ihr Projekt nicht auf riesigen Profit angelegt. Vielmehr sehe sie eine Lebensaufgabe darin: „Mosan ist nicht das klassische Startup, das nach drei Monaten durch die Decke geht“, so die „Bestpreis“-Gewinnerin 2013, die das Preisgeld damals dafür nutzte, den Prototype der Toilette produzieren zu lassen. Nach der Test- und Pilotphase gründete sie 2016 Mosan als GmbH. „Das waren die ersten Meilenstein auf meiner, und inzwischen unserer Reise. Aber wir haben noch viel vor uns, bis Mosan für Tausende Menschen zur Verfügung steht. Ich bin überzeugt, dass eine nachhaltige Lösung wie Mosan funktionieren und sich selbst tragen kann. Unser Gesamtkonzept hat ein großes Potenzial.“

Der „Bestform“-Wettbewerb für kreative Köpfe geht derweil in eine neue Runde. Bewerbungen sind noch bis 18. April möglich. Nähere Infos gibt es hier.