Magdeburg l Die Stadt ist zu voll und zu eng. Immer mehr Kreative und Familien packt deshalb die Landlust. Sie entfliehen dem Rummel, ziehen aufs Land, schließen sich in Gruppen zusammen und arbeiten digital und ortsunabhängig. Die Autoren der gestern veröffentlichten Studie „Urbane Dörfer“ vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung und Neuland21 haben 18 ländliche Gemeinschaftsprojekte untersucht. Die meisten davon in Brandenburg, wo der Wachstumsdruck Berlins viele Landprojekte hervorbringt, aber auch drei in Sachsen-Anhalt.

Moderne Infrastruktur, neue Ideen und Zuzügler von außen: Letztere könnten zukünftig vermehrt für neues Leben auf dem Land sorgen, heißt es in der Studie. Ein Dorf 4.0 als Antwort auf die demografischen Herausforderungen vieler Dörfer in Sachsen-Anhalt, Brandenburg oder Sachsen. Denkbar, aber noch stehen viele der Projekte am Anfang.

Lungensanatorium in Harzgerode sanieren

Seit Spätsommer letzten Jahres versucht die Gemeinschaft „Freie Feldlage“ das Gelände des ehemaligen Lungensanatoriums in Harzgerode (Landkreis Harz) aus dem Dornröschenschlaf zu erwecken. Zwei Kilometer vom Zentrum der 8000-Einwohner-Stadt, versteckt im Wald, tüftelt die Genossenschaft mit zehn festen Mitgliedern und Unterstützern an ihrer Vision. Im denkmalgeschützten Gebäudeensemble sollen Ateliers entstehen, freie Werkstätten angeboten werden, der Theatersaal könnte bald wieder bespielt werden.

Auch gewerbliche Nutzung und Lernorte wie eine Freie Schule oder einen Waldkindergarten kann sich die Gruppe vorstellen. Gemeinschaftliches Wohnen, Leben und Arbeiten sei das Ziel, sagt Bewohner Tobias Michaelis (30). Er denkt, dass Aktivitäten und Angebot in die Umgebung ausstrahlen könnten. Anziehend könnten die vielfältigen Projekte wirken. Der Aufbau einer Freien Schule hätte das Potenzial, etwa junge Familien anzulocken, findet Michaelis. Noch ist man im Anfangsstadium. Kürzlich wurde das Areal gekauft. In Harzgerode gelte es teilweise noch, Vorbehalte auszuräumen, weil vorige Initiativen an gleicher Stelle in der Vergangenheit gescheitert waren. Bei bisherigen Veranstaltungen – etwa dem Move Utopia Festival – war die Resonanz schon groß.

Städte gewinnen Einwohner

Für den Bürgermeister von Harzgerode, Marcus Weise, ist klar: „Das demografische Problem lässt sich nur durch Zuzug lösen.“ Die Kleinstadt hat seit 1990 ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Mit einem ausgeklügelten Demografiemanagement ist es dem CDU-Politiker gelungen, die Abwanderung 2017 und 2018 erstmals zu stoppen. Da ist ein Gemeinschaftsprojekt wie das im alten Sanatorium bislang ein Tropfen auf dem heißen Stein. Wenn es erfolgreich wird und Zuzügler anlocke, sei das allemal positiv, findet er. Generell dürfte die Bevölkerungszahl in allen ostdeutschen Flächenländern bis 2035 abnehmen – am stärksten mit fast 16 Prozent in Sachsen-Anhalt. Andere Seite der Medaille: Eine Stadt wie Leipzig kann bis 2035 mit dem bundesweit größten Bevölkerungszuwachs rechnen. Bedeutet: Die ländlichen Regionen verlieren Einwohner zu Gunsten der großen Städte, die gewinnen. Potsdam, Dresden, Erfurt, Jena, Rostock, Halle und Magdeburg gehören zu den demografischen Leuchttürmen in den ostdeutschen Flächenländern.

Positiv: Seit 2011 sind vermehrt die großen ostdeutschen Städte das Ziel der jungen Bildungswanderer. Anders als in den 90er Jahren, in denen viele junge Menschen aus dem Osten noch in die westlichen Bundesländer zogen.

Künftig könnte es den aktiven Dörfern leichter fallen, Stadtbewohner zu gewinnen, heißt es in der Studie. Immer mehr Menschen seien Teil einer Arbeitswelt, in der die Digitalisierung weit fortgeschritten ist. Mobiles Arbeiten ist bei vielen Alltag. Diese neuen, flexiblen Formen digitaler Arbeit lassen sich bestens mit dem Leben auf dem Land verbinden, konstatiert die Studie.

Schneller Internetanschluss notwendig

Ein stabiler und schneller Internetanschluss ist dafür allerdings Voraussetzung. Vielerorts auf dem Land noch ein Problem: In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen surft nur jeder Dritte auf dem Land mit einer Übertragungsrate von mindestens 50 Megabit pro Sekunde, geben die Autoren zu bedenken. Noch einiges an Nachholbedarf.

Ein Fazit: In den ostdeutschen Flächenländern sind Kreativ- und Gemeinschaftsprojekte noch rar gesät. Auch weil die größeren Städte viel bezahlbaren Platz für gemeinschaftliche Wohnformen bieten. Das Städtewachstum dürfte aber anhalten. Dann könnten gut angebundene ländliche Regionen in größerer Entfernung von Berlin, Leipzig oder von anderen ostdeutschen Städten von zuziehenden Kreativen und Digitalnomaden profitieren. Ob die Ex-Städter und Clickworker, die sich in den untersuchten Projekten fürs Landleben entschieden haben, bereits diese neue Landbewegung repräsentieren oder vorwegnehmen – die Studie möchte die Frage nicht abschließend beantworten. Allemal spannend dürfte sein, wie sich die Projekte entwickeln und ob das Dorf 4.0 eines von vielen Rezepten gegen sterbende Landstriche sein kann.