Magdeburg l Notrufsäulen – deutschlandweit stehen sie im Abstand von zwei Kilometern an den Autobahnen. Manch einer fragt sich, ob die Standorte der orangefarbenen Kisten im Smartphone-Zeitalter überhaupt noch benötigt werden. Das Magdeburger Unternehmen Thorsis Technologies und seine Wissenschaftspartner denken längst über den Tellerrand hinaus. Sie sehen in den Notrufsäulen-Standorten das optimale Hilfsmittel, um digitale Mobilität voranzutreiben – und die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen.

Wie funktioniert das? Die Standorte werden aufgerüstet, indem sie mit Funkmodulen ausgestattet werden. Sie entwickeln sich damit zu sogenannten ITS-Stationen, die in ein Netzwerk eingebunden werden. In diesem Netzwerk kommunizieren sie mit untereinander vernetzten Fahrzeugen. Fahrer werden über im Fahrzeug installierte Tablets effizienter vor Gefahrensituationen – etwa Falschfahrern, Stau oder Wetterereignissen gewarnt und steuern Autos oder andere Fahrzeuge vorausschauender.

Technologie aus Sachsen-Anhalt

Anika II heißt das Projekt. Das Bundesministerium für digitale Infrastruktur und Verkehr (BMVI) und die Bundesanstalt für Straßenwesen (BASt) fördern das Vorhaben. Seit 2015 flossen 1,8 Millionen Euro vom Bund und 500.000 Euro vom Land Sachsen-Anhalt. Thorsis arbeitet mit Partnern aus dem Land zusammen. Dem Galileo-Testfeld Sachsen-Anhalt, einem modernen Entwicklungslabor der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und mit dem Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung (IFF). Thomas Wünsch, Staatssekretär im Ministerium für Wirtschaft, Wissenschaft und Digitalisierung, verfolgt das Projekt mit großem Interesse. Und ist stolz darauf, dass die Technologie in Sachsen-Anhalt entwickelt wurde.

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Auf der A9 bei Nürnberg soll voraussichtlich ab März 2020 auf einer 22 Kilometer langen Versuchsstrecke unter realen Bedingungen getestet werden. In zwei bis drei Jahren könnte das Produkt reif für die Produktion sein und dann mit anderen großen Playern wie Siemens darum konkurrieren, an Autobahnen deutschlandweit zum Standard zu werden.

Am Mittwoch wurde die Technik in der Motorsport-Arena Oschersleben (Landkreis Börde) vorgestellt. Drei denkbare Szenarien wurden simuliert: ein Unfall, das Auftauchen eines Falschfahrers und sich stauender Verkehr.

Besonders augenfällig sind die Vorteile der Technologie beim Falschfahrer. Ein nicht vernetztes Auto rast um eine Kurve. Erst im letzten Augenblick kann es einen Aufprall mit dem aus dem Nichts auftauchenden Falschfahrer verhindern. Bei noch höherer Geschwindigkeit und schlechterem fahrerischen Können wäre ein Unfall unabwendbar gewesen. Dahinter fahren zwei vernetzte Fahrzeuge. Auf dem Bildschirm am Armaturenbrett wird ihnen der Falschfahrer angezeigt. Sie haben ausreichend Zeit, die Spur zu wechseln. Gefahr gebannt.

Thorsten Szczepanski, Geschäftsführer von Thorsis Technologies, zeigt im Race Tower eindrucksvoll, wie die Technik funktioniert. Obwohl die Versuchsbedingungen mit Kurven, Verschattungen durch die Tribünen und durch das Höhengefälle auf der Rennstrecke nicht optimal sind.

Doch das Funksignal ist durchweg stabil. Gefahren im Verkehr werden kalkulierbarer. „Vernetztes Fahren erhöht die Verkehrssicherheit“, so Szczepanski.

Bundesweit starben nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes im ersten Halbjahr 2019 1465 Menschen im Straßenverkehr. In Sachsen-Anhalt war die Zahl der Verkehrstoten mit 29 je Million sogar am höchsten.

Bund, Länder, Industrie und Wissenschaft arbeiten auch deshalb daran, den Verkehr zu optimieren und investieren in intelligente kooperative Verkehrssysteme. Fahrzeuge sollen miteinander und mit der Verkehrsinfrastruktur kommunizieren. Dies geschieht über einen einheitlichen WLAN-Standard in einem speziell reservierten Frequenzbereich (5,9 GHz).

Interessant für Versicherer

Auch Versicherer verfolgen das Anika-Projekt naturgemäß mit Interesse. Hans-Jörg Kurth, Abteilungsdirektor Kraftfahrt-Versicherung von den öffentlichen Versicherungen Sachsen-Anhalt (Ösa) steht an der Rennstrecke in Oschersleben. Er ist verblüfft, wie weit die Technologie ist. Die Ösa setzt bereits auf eine automatisierte Unfallmeldung. Und hat natürlich ein Interesse daran, wie Unfall-Prävention zukünftig noch besser werden kann.

Dass die umgerüsteten Notrufsäulen-Standorte in Zukunft sogar über Deutschland hinaus Karriere machen könnte, kann sich Andreas Müller vorstellen. Er ist Geschäftsführer des Galileo-Testfeldes in Magdeburg. Ein Netz von Notrufsäulen gebe es nicht nur hierzulande, sondern in ganz Europa und anderen Ländern weltweit. Beim ITS-Weltkongress („Intelligent Transport Systems“) in Melbourne stieß Anika bereits auf großes Interesse. Möglich, dass die Technologie made in Sachsen-Anhalt zukünftig noch größer rauskommt.