Magdeburg l Der Windkraftanlagenhersteller Enercon hat drastische Spar-Maßnahmen angekündigt. An den Standorten Aurich und Magdeburg fallen jeweils rund 1500 Jobs weg. Das Unternehmen aus dem ostfriesischen Aurich sehe sich „aufgrund des dramatischen Einbruchs des deutschen Onshore-Windenergiemarktes gezwungen“, die Zusammenarbeit mit mehreren Produktionspartnern im Inland zu beenden, teilte das Unternehmen am Freitag mit. Laut Wirtschaftsministerium arbeiten im Norden Sachsen-Anhalt rund 3000 Beschäftigte für den Anlagenbauer und seine Tochterunternehmen.
 

Die Stimmung am Werkstor von Enercon in Magdeburg-Rothensee war gestern Nachmittag schlecht. „Das ist eine Riesensauerei, was hier passiert. Wir sind schwer enttäuscht“, sagte ein Mitarbeiter der Rotorblattfertigung Rothensee von Enercon. Seinen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen. Viele Beschäftigte seien seit 20 Jahren im Unternehmen und hätten das Werk mit aufgebaut. Die Rotorblattfertigung soll noch bis Ende März 2020 die Aufträge abarbeiten, dann sei für die rund 400 Mitarbeiter Schluss, habe es auf einer außerordentlich anberaumten Versammlung geheißen. „Um die Aufträge bis März abarbeiten zu können, soll die Produktion hochgefahren werden. Dass die Motivation der Beschäftigten im Keller ist, kann sich wohl jeder denken“, sagt der Mitarbeiter.

Auch die Großrotorblattfertigung ist betroffen. Sie soll bis Ende September nach Auskunft eines Beschäftigten ebenfalls vorliegende Aufträge abarbeiten. Dort stehen weitere 400 Mitarbeiter vor dem Aus. Am Montag könnten die nächsten Hiobsbotschaften bei den Enercon-Zulieferern folgen. Dann stehen Betriebsversammlungen bei der Rothenseer Anlagenbau GmbH und bei der Generatorenbau Magdeburg GmbH an. Deutschlandweit arbeiten rund 30 Gesellschaften als Produktionspartner von Enercon. Die meisten fungieren als exklusive Lohnfertiger für das Unternehmen.

Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) bezeichnete den Stellenabbau als „harten Schlag für die Region“. Enercon sei einer der größten Arbeitgeber im Land. Sachsen-Anhalt habe Investitionen des Unternehmens wiederholt unterstützt. Ein Beschäftigungsabbau dürfe nicht allein auf Kosten des Standortes Magdeburg erfolgen, so Willingmann. Für Axel Weber, Geschäftsführer der IG Metall Magdeburg-Schönebeck, sind die Stellenabbaupläne eine „Katastrophe für Magdeburg und die Region“. Die Firmen arbeiteten ausschließlich für Enercon. Es sei „unverschämt“, wenn das Unternehmen von Zulieferern und Partnern spreche. Enercon solle zu seiner Verantwortung stehen. Es brauche Transfergesellschaften und Sozialpläne für die Mitarbeiter. Linken-Fraktionschef Thomas Lippmann spricht von einem „Desaster für die Menschen, die vor der Arbeitslosigkeit stehen“. Es sei verlogen, Milliardenprogramme für den Abbau von Arbeitsplätzen in der Braunkohleindustrie aufzulegen und die Beschäftigten in der Zukunftsbranche der erneuerbaren Energien allein zu lassen.

Energieministerin Claudia Dalbert (Grüne) sagte, der Stellenabbau sei das Ergebnis einer jahrelangen falschen Energie- und Industriepolitik in Deutschland. Es sei Aufgabe der Politik, die erforderlichen Rahmenbedingungen für eine konsequente Förderung erneuerbarer Energien zu schaffen. „Diskussionen um starre Abstandsflächen für Windkraftanlagen helfen uns dabei nicht weiter“, so Dalbert.

Auch Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD) kritisierte die verfehlte Politik in Berlin. Der Stellenabbau sei dramatisch für Magdeburg.

Windkraftbranche kriselt

Die Windkraftbranche in Deutschland schlägt schon länger Alarm. Problem: Lange Genehmigungsverfahren, Klageflut, zu wenige ausgewiesene Flächen. Im ersten Halbjahr wurden in Deutschland 86 Anlagen mit 287 Megawatt installiert – ein Rückgang von 82 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2020 endet nach 20 Jahren die Einspeisevergütung auf Grundlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG), alten Anlagen droht das Aus. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hatte nach einem Windkraftgipfel im September ein Maßnahmenprogramm angekündigt, um den Ausbau zu beschleunigen – ohne konkrete Ergebnisse. Enercon begründet den Stellenabbau mit der aktuellen Energie- und Klimapolitik der Bundesregierung. Die gefährde nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch den Klimaschutz und die Energiewende, sagt Hans-Dieter Kettwig, Vorsitzender der Enercon-Geschäftsleitung.

Enercon will sich nun „neu aufstellen“ und den Fokus auf internationale Märkte lenken, hieß es am Freitag. Der Windkraftanlagenhersteller ist eine der Größen in der Branche. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Konzern angekündigt, sich internationaler auszurichten und in seinen deutschen Werken rund 830 Arbeitsplätze abzubauen. In Magdeburg hatte Enercon 130 Stellen bei der WEC Turmbau GmbH gestrichen. Schon länger kämpfen deutsche Windkraftanlagenhersteller mit den Veränderungen auf dem Weltmarkt. So hatte etwa der Windanlagenbauer Senvion im April Insolvenz anmelden müssen.