Nürnberg (dpa) l Wer einen Job sucht, in dem alles beim Alten bleibt, muss Friseur werden. Das zumindest ermittelt der Job-Futuromat des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das Internet-Tool - oder vielleicht besser: Internet-Toy - spuckt beim Haarschneider-Beruf neun typische Tätigkeiten aus. Und keine von Ihnen steht unter Automatisierungsdruck - Null Prozent. „Trotzdem kann es sein, dass sich die Automatisierbarkeit in diesem Beruf im Laufe der Jahre ändert“, warnt das - ziemlich automatisierte - Tool.

Wer es ein bisschen ernster nimmt mit der Berufswahl, kommt dagegen am Thema Digitalisierung nicht mehr vorbei. In fast allen Jobs sind Fähigkeiten und Fertigkeiten mit und am Computer gefragt, in fast allen Jobs werden über kurz oder lang Softwareprogramme oder Computer einen Teil der bisher menschlichen Tätigkeiten übernehmen. Beim Bäckerberuf etwa ermittelt der Futuromat eine Automatisierbarkeit von 100 Prozent. „Digitalisierung durchdringt die gesamte Arbeitswelt“, schreibt die Bertelsmann Stiftung in einer neuen Studie zum Thema. Die Nachfrage nach digitalen Kompetenzen habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, auch in Branchen und Berufsfeldern, in denen Digitalisierung bislang keine große Rolle gespielt habe.

Enzo Weber, Wissenschaftler beim IAB, forscht seit Jahren zum Thema Digitalisierung am Arbeitsmarkt. Er hat eine gute Nachricht für alle, die Angst vor Robotern haben. „Nach unseren Erkenntnissen ist es nicht so, dass der Beschäftigungsstand sinkt“, sagt Weber. Digitalisierung, Automatisierung, Einsatz von Robotern – das alles schafft auch neue Jobs. Dass die Hälfte aller Jobs der Automatisierung zum Opfer fallen, wie die Oxford-Forscher Carl Benedict Frey und Michael Osborne 2013 in einer vielzitierten Studie für die USA weisgesagt hatten, davon gehen Forscher heute zumindest in Deutschland nicht mehr aus. „Kaum ein Beruf ist vollständig automatisierbar“, schreibt etwa Webers Kollegin Britta Mattes in einer Studie zum Stand der Digitalisierung auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Beispiel Erziehungsbranche: Die Zahl der Stellen in der Erziehung – selbst weitgehend automatisierungsfrei - ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Möglich wurde dies laut Weber auch dadurch, dass die Automatisierung in der Industrie mehr Produktivität geschaffen hat, damit die Einkommen stiegen - und somit Geld frei ist, zur Finanzierung von Erziehungsausleistungen.

Ein anderes Beispiel ist die Internetbranche: Immer neue Ideen werden online entwickelt - sie müssen auch umgesetzt werden. Digitale Kanäle schaffen Plattformen wie Youtube. Unterhaltungskünstler, die dort auftreten und sogenannte Follower - Abonnenten - generieren, sind zu einem eigenen Berufsbild, dem „Youtuber“, herangewachsen. Die Vermietung von E-Scootern ist ein anderes Beispiel: Sie werden über das Internet vermietet und gemanagt - aber einsammeln, warten, reparieren und putzen müssen sie echte Menschen.

Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen

„Wir werden auch in Zukunft genügend Jobs haben, wenn wir den Umbruch vernünftig meistern“, sagt Enzo Weber. Damit meint er auch: Die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen. In den ersten Automatisierungsphasen der 1970er und 1980er Jahre etwa seien viele –Hilfsarbeiter - für das Wirtschaftswunder zum Teil noch eigens als Gastarbeiter aus dem Ausland geholt –auf der Strecke geblieben. Dies müsse durch ständige Qualifizierung im Beruf heute ausgeschlossen werden. Und auch die Sozialsysteme müssten sich anpassen, damit nicht Geringverdienende durchs soziale Netz fielen.

Auch die Arbeitsverwaltung hat sich bereits auf die neue Welt eingestellt – nicht zuletzt auch getrieben durch die Notwendigkeiten der Corona-Krise. In den Arbeitsagenturen und Job-Centern können Jobsuchende online ihr Bewerberprofil einstellen, Termine mit Berufsberatern vereinbaren oder Weiterbildungskurse auswählen. Wenn gar nichts mehr geht, kann man sich auch arbeitslos melden und Arbeitslosengeld beantragen - online, versteht sich.