Berlin (dpa) - Das schottische Motherwell war einst eine blühende Industriestadt. Nach dem Niedergang der Stahlindustrie herrschen hier aber Perspektivlosigkeit und Gewalt vor. Drogen beleben den tristen Alltag.

"Wer hier bleibt, wird schwanger - oder landet im Knast", sagt die 16-jährige Gemma nüchtern. Für die junge Schottin sind die besseren Jahre nur Erzählungen.

Wie aus der Jugendlichen, die sich in Motherwell wohl fühlt und auf der Straße lungert, eine junge und bemühte Mutter wird, erzählt eine Langzeit-Dokumentation, die Arte am Mittwoch um 22.45 Uhr ausstrahlt. "Lasst die freien Vögel fliegen" (engl.: "Scheme birds") nimmt die Zuschauer mit auf eine mehrjährige Reise durch Gemmas Jugend.

Der Film begleitet sie dabei, wie sie mit ihren Freunden durch ihr Viertel zieht und Streit hat, wie sie bei ihrem Opa Boxunterricht nimmt und seine Brieftauben in die weite Welt schickt. Und auch, wie sie am Rande des Erwachsenenalters mit harten Schicksalsschlägen und folgenschweren Entscheidungen umgehen muss.

Gemma stellt uns ohne Berührungsängste ihre benachteiligte Welt vor. Sie zeigt uns, wie geborgen man sich trotz alltäglicher Gewalt fühlen kann. Wie verloren man sich gleichzeitig in einer Jugend am Rande der Gesellschaft fühlen kann. Wie schwer es ist, sich heraus zu kämpfen, wenn es keinen Ort zu geben scheint, an den man gehen kann. Gemmas Geschichte gibt aber auch Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

"Lasst die freien Vögel fliegen" ist eine einfühlsame Dokumentation. Die Regisseurinnen Ellen Fiske und Ellinor Hallin haben die meiste Zeit mit der Handkamera gefilmt. Egal ob es um große Gewalt oder kleine Gefühle geht - sie sind nah dran und nutzen die Gelegenheit, genau hinzuschauen. Da stören auch gröbere Pixel kaum. Anstelle eines düsteren Porträts von Schottland zeigen sie auch Komplexität, Hoffnung und Tapferkeit. Dafür wurden sie auf dem amerikanischen "Tribeca Film Festival" 2019 gleich mit zwei Preisen ausgezeichnet.

Arte: "Lasst die freien Vögel fliegen"