Magdeburg l Sie sind dem Ziel ganz nah. Sechs Jahre nachdem der „Sanierungsverein Ravelin 2“ die Schlüssel für Magdeburgs Festungsanlage übergeben bekam, sollten am 3. Februar 2021 die Sanierungsmaßnahmen beginnen. 3,36 Millionen Euro stehen für die „Wiederauferstehung“ der Festungsanlage zur Verfügung, das Gros des Geldes stammt aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), 600.000 Euro sind Eigenmittel der Stadt.

Doch kurz bevor die Vorbereitungen für das Mammutprojekt starten, macht das kurze Winterintermezzo mit anschließendem Dauerregen dem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Eigentlich sollte mit der Freilegung von Gehölzaufwuchs begonnen werden. Doch abgesehen von ein paar Arbeitern, die die Anlage begutachteten, arbeiteten gestern lediglich Vereinsmitglieder. Wie Vereinsvorsitzender Rüdiger Stefanek erzählte, sei der Beginn auf Montag verschoben worden.

Traurig? Nein! So lange haben die Vereinsmitglieder auf die Sanierung hingearbeitet, dass es auf ein paar Tage nun nicht mehr ankommt. Derweil seien seine Mitstreiter mit Grünpflege- und Aufräumarbeiten beschäftigt, sie beschneiden Gehölze, räumen Räume frei, putzen und bereiten die Ausstellungen für die nächste Periode vor. Zudem seien noch immer Bauarbeiter vor Ort, die mit der Fertigstellung der behindertengerechten Toilettenanlage, eine Maßnahme aus dem vergangenen Jahr, beschäftigt sind.

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Vereinsmitglieder sind stolz

Nicht ohne Stolz blicken Rüdiger Stefanek und seine Vereinsmitglieder auf das Vorhaben. „Im Februar 2015 bekamen wir den Schlüssel, haben angefangen ohne Geld und Förderzusagen. Das damals unüberschaubare Großprojekt haben wir nur mit Muskelkraft und Vereinsbeiträgen, Spenden und Sponsoring begonnen. Nun, nach sechs Jahren und einigen Hürden, die das Bewerben um EU-Mittel mit sich bringt, haben wir es geschafft, einen erheblichen Betrag zu bekommen.“ Mit diesem Geld können Arbeiten realisiert werden, für die der Verein mit kleinen Schritten noch ewig gebraucht hätte, erklärt Stefanek.

Das Bauwerk mit seinem Gelände soll nun nach und nach einer denkmalgerechten Nutzung zugeführt werden. Im Anschluss an die Pflegearbeiten werde die Wiederherstellung des historischen Wallprofils angestrebt, kündigt die Stadt an. Mit der Herstellung eines Treppenaufganges, inklusive einer Toranlage im Bereich des nördlichen Ausfalltores, könne der Erlebnispfad „Ravelin 2“ komplettiert werden. Eine Einfriedung als Schutz vor Vandalismus, entlang der westlichen Festungsanlage am Magdeburger Ring gelegen, sei im Rahmen der Sanierung ebenfalls vorgesehen. Auch der Erlebnisraum Glacispark als Teil der Festungsanlage soll mit der Sanierung gestärkt werden. Alle Maßnahmen seien mit der Unteren Naturschutzbehörde abgestimmt.

Es werde viel Erde bewegt, weiß Stefanek. Arbeiten, die der Verein kaum hätte schultern können. „Es ist wichtig, das Original-Profil der Anlage wiederherzustellen, da es durch den Zweiten Weltkrieg, durch Verfüllungen mit Trümmerschutt aus der Stadt und den Bau des Magdeburger Rings überformt worden ist.“ All das habe Auswirkungen auf das Gesamtbild der Anlage, die ja eine der größten und vollständig erhaltenen der riesengroßen Festung Magdeburg ist, gehabt.

Gebäudehülle wird gesichert

„Durch diese Arbeiten wird die Sicherung der Gebäudehülle vorangetrieben und das Erscheinungsbild original denkmalgerecht hergestellt.“ So könne die Geschichte erlebbar und sichtbar gemacht werden. Große Freude bereite auch, dass Maßnahmen wie die Rekonstruktion der Tore und Brücken inbegriffen sind. Insbesondere auch die Rekonstruktion des Mehrzweckraums, dessen Holzboden durch Brandstiftung abgebrannt war. Der Raum werde später mit moderner Technik für Veranstaltungen, Museumsbetrieb und Vorträge ausgestattet. Dies nehme vor dem Hintergrund eines anderen Projektes, des europäischen „RFC“-Projektes, an Bedeutung zu.

Das „RFC“-Projekt, das für „Rückeroberung der Festungsstädte“ steht, soll Festungsanlagen verschiedener Projektpartner ins Leben der Stadt einbeziehen. Somit werden künftig andere Städte einen besonderen Blick auf Magdeburg werfen. Ein spannendes Projekt, „das sehr viele Impulse gibt“, wie Rüdiger Stefanek betont. „Jetzt, da wir uns in Europa vernetzen, merken wir, was für eine Strahlkraft und Ausmaße das hat und wie bedeutend Magdeburg als ehemalige Großfestung in Europa war. Wir merken, wie interessiert andere Städte an uns sind. Die schauen ehrfürchtig nach Magdeburg, danach, was wir hier machen.“

Projekt ist wegweisend

Das Projekt sei für andere wegweisend, wie man Anlagen wieder rekonstruieren kann, welche Fördermaßnahmen es gibt, wie es umgesetzt wird und wie auch die Stadt das Ganze begleitet. „Da sind wir stolz, dass wir als kleiner Verein das losgetreten haben.“

Sind die Sanierungsmaßnahmen einmal abgeschlossen, werde es ein echtes Highlight und ein neues touristisches Portfolio für Magdeburg, ist sich Stefanek sicher. Neben den Vorbereitungsarbeiten, die bis zum 28. Februar 2021 beendet sein sollen, laufen parallel die Ausführungsplanungen durch die Architekten und Freiraumplaner und münden dann in einer europaweiten Ausschreibung für die Baumaßnahmen, weiß der Chef des Sanierungsvereins.

Kein Bauvorhaben von der Stange

Da es kein Bauvorhaben von der Stange ist, sondern eine Festungsanlage von 1873, die wieder auferstehen soll, sei ihm bewusst, dass es sich um eine echte Herausforderung für die Planer, Stadt, Firmen und auch seinen Verein handelt. So hoffe er sehr, dass trotz Pandemieauswirkungen alles reibungslos über die Bühne geht. Da Ausschreibungen und die anschließende Leistungsvergabe bekanntlich Zeit benötigen, habe der Verein mutig und optimistisch noch einmal das diesjährige Mittelalterfestival „Spectaculum Magdeburgense“ im Ravelin 2 geplant. Stattfinden soll es wieder über die Pfingstfeiertage vom 20. bis 24. Mai 2021. Sollten, was er nicht hofft, jedoch einkalkuliert, die Corona-Auflagen dann noch immer greifen, werden entsprechende Vorkehrungen getroffen. Vorbild sei hier das Kaiser-Otto-Fest im vergangenen Jahr.