Von Matthias Arnold und Burkhard Fraune

Berlin (dpa) l 60 Jahre nach dem ersten Linienflug ist der Berliner Flughafen Tegel Geschichte. Hunderte Mitarbeiter und Berliner verabschiedeten gestern das letzte planmäßige Flugzeug. Eine Sondermaschine der Air France hob ab nach Paris. Am Abend sollte sie zurückkehren – zum neuen Hauptstadtflughafen BER am Stadtrand im brandenburgischen Schönefeld. Er wurde vor einer Woche eröffnet. In Tegel ist der Kerosingeruch verflogen.

„Ein Kapital Berliner Geschichte wird damit abgeschlossen“, sagte der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD). Er warb für den Forschungs- und Gewerbepark sowie tausende Wohnungen, die auf dem Gelände nahe der Innenstadt geplant sind, bekannte aber: „Es ist ein Tag, da gibt es nichts darum herum zu reden, wo vielen auch das Herz blutet.“

Viele Berliner kamen am Wochenende nach Tegel, um Adieu zu sagen, so wie Necmi Ak-Schulz, der 1976 am Check-In angefangen hat und fast 40 Jahre blieb. Der Rentner hat viele Millionen Touristen, Geschäftsleute und Berliner durch das „Tor zur Welt“ gehen sehen. Denn das war Flughafen vor allem für die West-Berliner zur Mauerzeit.

Am Ende arbeitete der Flughafenmit 24 Millionen Flüggästen im Jahr 2019 hart an der Belastungsgrenze, das sechseckige Terminal mit seinen oft gepriesenen kurzen Wegen steht unter Denkmalschutz. Ak-Schulz hat seine alte Uniform aus dem Schrank geholt und zwei Taschentücher eingepackt – für die Tränen, wie er freimütig sagt. „Es ist traurig, aber ich bin dankbar und stolz.“ An Bord der Air-France-Sondermaschine verkündet der Kapitän: „Tegel wird für immer im Herzen der Berliner bleiben.“

Der Spandauer Horst Zeising hat sich einen Platz in der letzten Maschine gesichert. „Mit dem Flughafen geht ein Stück Heimat verloren“, sagte der 53-Jährige. „Verkehrstechnisch ist das eine Katastrophe, dass eine Hauptstadt nur einen Flughafen hat“, meint er. Eine Schande sei es auch, dass der Senat 2017 den Volksentscheid für den Erhalt des Flughafens nicht beachtet habe.

Am Samstag fuhren Dutzende Radfahrer über die Auffahrt zum Terminal hoch – jahrelang war daran nicht zu denken wegen der vielen Autos an dem Flughafen ohne Bahnanschluss. „Hoch für den Klimaschutz, runter mit dem Flugverkehr“, mit diesem Sprechchor bejubelten die Fahrraddemonstranten das Ende des Flugverkehrs in Tegel.

Schon währen der Berlin-Blockade 1948 hatten die französischen Besatzungstruppen in ihrem Sektor West-Berlins in Tegel einen Flugplatz bauen lassen. Im Januar 1960 nahm Air France den Linienflugbetrieb auf. 60 Jahre später beendet die Gesellschaft den Umzug zum neuen Flughafen Berlin-Brandenburg Willy Brandt.

Als BER stand er in den vergangenen Jahren für Planungsfehler, Baumängel, abgesagte Eröffnungstermine und verdreifachte Kosten. Hunderttausende Berliner in der Einflugschneise von Tegel mussten den Fluglärm länger ertragen. Ein halbes Jahr bleibt der Flughafen zur Sicherheit noch betriebsbereit, bisher läuft der Betrieb am BER aber reibungslos.

Vom Fluglärm sind nun vor allem viele Brandenburger im dicht besiedelten BER-Umfeld betroffen. Wegen der Corona-Krise wird aber relativ wenig geflogen. Im Oktober gab es in Tegel und Schönefeld insgesamt rund 9000 Flüge. Im Vorjahresmonat waren es allein in Schönefeld 8300 gewesen, in Tegel 17 300.

„Tegel hat lange durchgehalten und lange an der Belastungsgrenze gearbeitet“, sagte Flughafen Chef Engelbert Lütke Daldrup. Er dankte den Mitarbeitern. „Der Flughafen hat Berlin, der ganzen Region einen großen Dienst erwiesen an, herzlichen Dank.“