Frankfurt/Main (dpa) - Die glorreichen Zeiten der Frauen-Nationalmannschaft sind vorbei, die Jubelbilder mit Medaillenglanz verblasst. Nun soll eine neue Ära im Frauenfußball anbrechen - an der Basis mit Sponsoring durch die finanzstarken Männerclubs als Wachküsser für die Mauerblümchen-Liga.

Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg ist zwar von diesem Trend überzeugt, wenn sie sagt: "Die großen Clubs werden auch bei den Frauen den Fußball der Zukunft prägen." Sie gibt jedoch zu bedenken: "Bevor wir aber über so etwas wie Equal Pay reden, müssen wir Equal Play schaffen. Dass auch Mädchen von Nachwuchsleistungszentren profitieren. Dass wir die gleichen Wege für alle schaffen."

Für Siggi Dietrich, den langjährigen Bundesliga-Manager beim 1. FFC Frankfurt, beginnt "ein neues Zeitalter" im Frauenfußball. Mal wieder - könnte man sagen, da alle Erfolge der DFB-Auswahl in der Vergangenheit verpufft sind. Die Euphorie aber ist groß beim siebenfachen deutschen Meister, der vom Sommer an unter dem Dach von Eintracht Frankfurt spielt. Das Beispiel soll Signalwirkung haben.

Vor dem Liga-Auftakt 2020 am kommenden Wochenende liegen nicht zufällig der VfL Wolfsburg, die TSG 1899 Hoffenheim und der FC Bayern München in der Tabelle vorne. "Wir brauchen den Profifußball der Männer, um den Frauenfußball zu entwickeln. Wir müssen auch die Frauenspiele eventisieren", fordert DFB-Vizepräsident Rainer Koch.

Doch längst ziehen nicht alle Männer-Erstligisten im Land des Frauen-Olympiasiegers und zweimaligen -Weltmeisters mit. Derzeit sind nur sechs Clubs auch bei den Frauen erstklassig. Die reinen Frauenfußball-Vereine wissen, dass sie nicht mehr vorne mitspielen können, ohne vom Umfeld eines Profi-Bundesligisten zu profitieren. Beim Tabellenvierten SGS Essen sagte Trainer Markus Högner schon vor Saisonbeginn: "Wir haben jetzt den Peak erreicht, ich bin überzeugt, dass wir ein Ausbildungsverein bleiben werden."

Eine Kooperation mit Großclubs wie Borussia Dortmund oder Schalke 04 ist dort nicht in Sicht. Im Westen tut man sich überhaupt schwer, auch wenn der 1. FC Köln und Bayer Leverkusen zum Oberhaus gehören. "Was nützt es, wenn ein Verein wie Borussia Mönchengladbach seine Frauen-Mannschaft in die Bundesliga bringt und dort mit nur einem Punkt gleich wieder absteigt?", sagt die derzeit schwanger pausierende Wolfsburger Nationaltorhüterin Almuth Schult und erklärt: "Wichtig ist, dass man das dann auch mit Herz macht. Man ist ja Fan des Vereins, nicht des Männerteams."

In Dortmund hing kürzlich ein Spruchband der Initiative ballspiel.vereint!: "Fußball ist für alle da - Frauenteam jetzt" in der Südkurve. Präsident Reinhard Rauball verwies bei der Mitgliederversammlung aber darauf, dass ja schon die BVB-Handballerinnen Bundesliga spielen und dass ein Profiteam unter dem Dach des eingetragenen Vereins nicht denkbar sei, da die Finanzierung die Gemeinnützigkeit gefährden würde. In Frankfurt agieren die Frauen künftig unter dem Dach der Fußball-AG, deren Nachwuchsteams beim Eingetragenen Verein.

Skeptiker argumentieren auch damit, dass in Dortmund und auf Schalke halt nur der Männerfußball Tradition habe. Nationaltorhüterin Schult regt das auf. "Was ist denn Tradition? Der Frauenfußball konnte keine 100-jährige Tradition aufbauen, weil er zwischenzeitlich verboten war. Der Fußball an sich ist doch die Tradition."

Clubs wie der badische SC Sand - in unmittelbarer Nachbarschaft zum französischen Erstligisten Racing Straßburg gelegen - hat keine Chance auf einen vielversprechenden Anschluss an einen Männer-Bundesligisten. "Unsere Eigenständigkeit hat ja auch einen gewissen Charme. Wir fühlen uns ganz wohl als das kleine gallische Dorf", sagt Geschäftsführerin Claudia von Lanken. Das Team aus dem 2000-Einwohner-Ort stand immerhin schon zweimal im DFB-Pokal-Finale.

Bei Ex-Meister Turbine Potsdam stellt sich Präsident Rolf Kutzmutz darauf ein, "dass wir als reiner Frauen- und Mädchenfußballverein eines Tages Einzelgänger in der Bundesliga werden könnten".

In Frankfurt spricht Dietrich als Vorsitzender des neu geschaffenen Ausschusses Frauen-Bundesliga von einer "echten Aufbruchstimmung". Die Zahlen sind jedoch ernüchternd: An den ersten 13 Spieltagen kamen im Schnitt 954 Zuschauer, immerhin 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Welten im Vergleich zum Länderspiel im November im Londoner Wembley-Stadion, als die DFB-Auswahl vor 77 000 Besuchern England mit 2:1 besiegte. Dietrich sieht die Entwicklung hin zu Männer-Bundesligisten als unaufhaltsam. "Viele Clubs in Spanien, England und Frankreich praktizieren dies bereits, und wenn die großen Clubs damit anfangen, werden die kleinen sicherlich auch nachziehen."

Nationalspielerin Sara Däbritz von Paris Saint-Germain spielte zuvor beim FC Bayern und SC Freiburg. Sie sieht bei einem Männer-Club auch ein enormes Zuschauerpotenzial: "Die Ultras der Männer sind regelmäßig bei unseren Spielen dabei und machen richtig Stimmung. Zuletzt gegen Marseille haben wir vor 3500 Zuschauern gespielt und die Stimmung über 90 Minuten war großartig."

Immerhin hat die Frauen-Bundesliga durch die inzwischen regelmäßigen TV-Ausschnitte in der ARD-"Sportschau" und die Übertragung des Freitagsspiels bei Eurosport ein breiteres Publikum bekommen. Der Sponsor der Eliteliga (Flyeralarm) wirbt zudem mit einem Magazin mit dem filigranen Namen "Elfen".

Der neue DFB-Präsident Fritz Keller sieht England als Vorbild und sagt: "Ich erwarte von jedem Bundesligisten, dass sie mit gutem Beispiel vorangehen und auch in den Frauenfußball investieren". Zumal der Deutsche Fußball-Bund das "Projekt Zukunft weiblich" gestartet hat und auch in Führungspositionen mehr Frauen einbinden will. In diesem Jahr wird außerdem mit einigen Aktionen ein Jubiläum gefeiert: Vor 50 Jahren hob der Verband das Frauenfußballverbot auf.

Frauenfußball-Bundesliga auf dfb.de

DFB-Mitteilung zum Magazin "Elfen"

Homepage SC Sand

Infos 1. FFC Frankfurt zur Fusion mit Eintracht Frankfurt

"Projekt Zukunft weiblich" beim DFB

Dortmunder Initiative ballspiel.vereint!