Wendgräben l Angekündigt worden war ein „Kaminabend mit Alfred Gislason“, doch der gebürtige Isländer hielt seinen Vortrag letztlich nicht am Kamin im Schlosssaal, sondern im Konferenzsaal. 80 Gäste füllten den Saal, und das überraschte auch Gislason, der zunächst davon ausgegangen war, nur vor den Patienten der Klinik über sein Leben und seine Leidenschaft „Handball“ zu sprechen. Vor Nachbarn also, schließlich wohnt der Handballtrainer ebenfalls im 50-Einwohner-Ort Wendgräben.

Die Frage nachdem „warum ausgerechnet dort?“ beantwortete Gislason gleich zu Beginn: „Ich trainierte ab 1999 in Magdeburg die Handballmannschaft des SCM. Damals wohnte ich an der Elbe auf dem Werder. Aber ich bin Isländer und wollte meine Ruhe haben, in einem kleinem Dorf, das nur aus einer Straße besteht. Da blieb nur Wendgräben“, grinst der großgewachsene Mann. Schon zu diesem Zeitpunkt des Abends wussten die Zuhörer, es würde ein unterhaltsamer Abend werden, auch ohne Kaminknistern.

Dem SCM-Trainer wurde in Wendgräben ein ziemlich zerfallenes Feldsteinhaus gezeigt. „Eine richtige Ruine, meine Frau wollte zuerst gar nicht aussteigen“, plaudert Gislason weiter. Heute ist aus der Ruine ein wahres Schmuckstück geworden, doch der Weg bis dahin war lang. Seine Frau Kara sagt nach der Veranstaltung, sie seien immer noch nicht mit allem auf dem Grundstück fertig.

„Du bist nicht ganz dicht, wenn du sowas machst“, weiß der Isländer heute, aber ist glücklich in seinem Heim. Er hat hunderte Rosensorten in seinem Garten und eine Streuobstwiese angelegt. In diesem Jahr feiert er sein „20-jähriges Jubiläum in Wendgräben“. Auf dem Bildschirmschoner seines Laptops ist ein Foto seines Hauses und Gartens in Wendgräben zu sehen.

Dann beginnt Alfred Gislason über seine Kindheit in Island zu sprechen. Sechs Geschwister waren sie, erst vier Jungs, dann zwei Mädchen, „dann kam die Pille nach Island“, scherzt Alfred Gislason. Er war der Zweitälteste, alle Geschwister landeten erfolgreich im Sport. Jeder in einer anderen Sportart zwar, „aber es gab eine Rivalität untereinander, das hat einen ganz schön geprägt“.

Er selbst sei erst mit 14 Jahren beim Handball gelandet, sagt der Wahl-Wendgräbener. Er trainierte hart, wurde Spieler der isländischen Nationalmannschaft. 1983 kam er nach Deutschland, spielte für den TUSEM Essen. Auf die Spielerkarriere folgte die als Trainer. Gislason betreute neben dem SCM auch den VfL Hameln, den VfL Gummersbach und zuletzt den THW Kiel.

Der Abend in Wendgräben stand unter dem Motto „Handball ist mein Leben“, und so durfte natürlich auch dieses Thema nicht fehlen. Sehr zur Freude all jener Gäste im Schloss, die selbst Handball zum Lebensmotto erkoren haben, gewährte der Trainer Einblick in taktische Unterlagen seines Playbooks, spielte vom Laptop Spielszenen ab. „Ich habe mehrere Terrabite Videomaterial zusammengeschnitten“, räumt der Trainer ein.

Es folgen Anekdoten aus der Mannschaftskabine. Alfred Gislason weiß ganz genau, wie streng er nach außen wirkte, sagt aber über sich selbst: „Ich bin der lockerste Trainer überhaupt.“ Er habe immer versucht, der Gegenpol zur Mannschaft zu sein, erklärt der Isländer: „Wenn es schlecht lief, habe ich die Jungs aufgebaut. Lief es aber gut, dann habe ich noch mehr von ihnen gefordert.“

Gegen Ende des Abends stellen die Gäste Fragen. Natürlich auch die Frage nach dem „besten Spieler, den er je hatte“. Doch darauf mag Alfred Gislason, der mit vielen Nationalspielern gearbeitet hatte, nicht antworten: „Ich hatte das Glück, sehr viele gute Spieler zu haben.“