Herr Gislason, Sie sind seit fünf Wochen im Amt. Haben Sie da schon den Unterschied zwischen einem Bundestrainer und einem Vereinstrainer gespürt?

Alfred Gislason: "So richtig kann ich das noch nicht beurteilen. Aber mir ging es ja darum, nicht mehr durch Bundesliga und Champions League fast jeden dritten Tag ein Spiel zu haben und ständig unterwegs zu sein. Diese Endlos-schleife habe ich als Bundestrainer natürlich nicht."

Wie sah denn die bisherige Arbeit aus?

Alfred Gislason: "Ich bin viel durch Deutschland gereist und habe die meisten Nationalspieler besucht. Das werde ich natürlich auch in Zukunft tun, mir viele Spiele anschauen, mit den Spielern und ihren Vereinstrainern reden."

Auf was haben Sie denn in der Trainingswoche in Aschersleben den meisten Wert gelegt?

Alfred Gislason: "Wir haben ein paar Dinge in der Abwehr ausprobiert. Die Spieler aus Kiel kennen meine Vorstellungen. Aber jetzt ging es darum, auch die Nicht-Kieler an das System heranzuführen. Auch bei der schnellen Mitte und den Gegenstößen habe ich ein paar Vorstellungen, die wir so schnell wie möglich umsetzen müssen."

Bei Ihren Erfolgen im Verein konnten Sie auch auf ausländische und viele fertige Spieler setzen. Als Bundestrainer sollen Sie aber auch den deutschen Nachwuchs an große Aufgaben heranführen. Wie gehen Sie diese Aufgabe an?

Alfred Gislason: "Ich habe auch schon damals in Magdeburg junge Spieler in die Mannschaft integriert. Das ist für mich also nicht neu. Deutschland ist mit jungen Spielern auch gut aufgestellt. Das haben die DHB-Nachwuchsteams immer wieder bei ihren Turnieren gezeigt. Und wer das Nationaltrikot trägt, der hat auch die Qualität dafür. Was beispielsweise ein Timo Kastening spielt, ist überragend."

Und wo sehen Sie den deutschen Handball aktuell?

Alfred Gislason: "Die Mannschaft hat eine ordentliche EM gespielt und zum Halbfinale fehlte nicht viel. Das zeigt auch, dass im Handball vieles ausgeglichen und von der Tagesform abhängig ist. Auch die Breite hat sich vergrößert. So ist Portugal stark im Kommen. Auch Ungarn ist wieder zu beachten."

Sie standen kurz vor der Unterschrift bei einem anderen Nationalteam. Welches wäre das eigentlich gewesen?

Alfred Gislason: "Ich hätte Nationaltrainer von Russland werden können. Das hat mich sehr gereizt, weil ich schon immer ein Fan des russischen und früheren sowjetischen Handballs bin. Außerdem kenne ich im russischen Handball viele Leute. Darunter meinen früheren Magdeburger Mittelmann Oleg Kuleschow, der aktuell Trainer bei Spartak Moskau ist."

Wo können Sie in Magdeburg eigentlich am besten entspannen?

Alfred Gislason: "Ich mag vor allem die Gegend rund um die Elbe. Da hat sich sehr viel verändert im Vergleich zu der Zeit, als ich einst nach Magdeburg kam."

Der DHB hat schon vor einigen Jahren den Olympiasieg 2020 als großes Ziel ausgegeben. Ist das noch realistisch?

Alfred Gislason: "Um Olympiasieger zu werden, müssen wir ja erst einmal bei den Olympischen Spielen dabei sein. Deshalb sollten wir darüber besser nach einer hoffentlich erfolgreichen Quali reden. Aber wenn Deutschland zu einem Turnier reist, dann hat die Nationalmannschaft auf jeden Fall die Qualität, um die Medaillen spielen zu können."

Fürchten Sie beim Qualiturnier Mitte April mehr die Schweden oder Slowenen?

Alfred Gislason: "Die Slowenen haben bei der EM überzeugt, sind spielerisch stark und abgezockt. Schweden blickt dagegen auf ein enttäuschendes Turnier zurück und will mit einem neuen Trainer einiges gutmachen. Aber egal, gegen wen – das wird eine richtig harte Runde."

Apropos Trainerwechsel. In der Bundesliga wurden fleißig die Stühle gerückt. Dadurch kehrten auch viele alte Hasen an den Spielfeldrand zurück. Bekommen zu wenig junge Trainer eine Chance?

Alfred Gislason: "Dass es so viele Trainerwechsel gab, hat mich auch gewundert und ist eigentlich nicht typisch für die Bundesliga. Aber die Clubs machen das ja in der Regel bei einer Krise. Und da setzt man natürlich eher auf Erfahrung. Einen Trend zu älteren Trainern sehe ich dadurch aber nicht. Die Füchse setzen beispielsweise in der neuen Saison mit dem dann erst 26-jährigen Jaron Siewert auf einen ganz jungen Coach."

SCM-Trainer Bennet Wiegert ist mit 38 Jahren auch einer der jüngeren Trainer. Wie beurteilen Sie seine Arbeit?

Alfred Gislason: "Ich muss als Bundestrainer eigentlich neutral sein. Aber was der SCM trotz der Verletzungsprobleme leistet und dass er auf Rang drei steht, ist ganz stark. Ich habe übrigens in dieser Saison nur Pech gebracht, wenn ich mal bei einem Spiel der Magdeburger war. Das war im Pokal und beim Bundesliga-Heimspiel gegen die Füchse Berlin. Seitdem habe ich Hallenverbot von Bennet bekommen und muss mir wohl künftig eine Perücke aufsetzen und einen Bart ankleben, wenn ich zum SCM in die Halle will."

Welcher SCM-Spieler ist am nächsten am DHB-Team dran? Und welche Chancen hat der Ex-Magdeburger Dario Quenstedt, den Sie ja mit nach Kiel geholt haben?

Alfred Gislason: "Matthias Musche gehört nach wie vor zum erweiterten Kader. Auf der Linksaußenposition musste ich mich für den aktuellen Lehrgang zwischen drei Spielern entscheiden und habe es neben Patrick Zieker letztendlich für Marcel Schiller getan. Im Vergleich zum Vorjahr ist es bisher auch nicht so ganz die Saison von Matthias Musche. Auch Dario Quenstedt habe ich weiterhin im Blick. Jetzt habe ich im Tor aber auf Erfahrung gesetzt und mich deshalb für andere entschieden."