Jugendwerkhof „Ernst Thälmann“ Wittenberg

Ernst-Thälmann-Straße 16, 4600 Wittenberg, Kreis Wittenberg, Bezirk Halle

1951 erstmals erwähnt, Belegung: 75 Plätze

1957: 37 Fluchten aus JWH dokumentiert

Situation wird als äußerst mangelhaft beschrieben

neue Konzeption sollte 1982 erfolgen – ob dies umgesetzt wurde, ist unbekannt

seit 2004 Internat für Berufsschüler und das Jugendgästehaus Wittenberg

Info zur Person: Michael Witte ist 1965 in Berlin geboren und lebt dort bis heute. Er war zu einem telefonischen Interview bereit und ist auch mit der Veröffentlichung seines Namens einverstanden. Ein Foto von sich wollte er allerdings aus Gründen der Privatsphäre nicht zur Verfügung stellen.

Volksstimme: Herr Witte, Sie haben mir erzählt, dass Sie in einem behüteten familiären Umfeld aufgewachsen sind, in dem es eigentlich keinen Grund gab, Sie dort herauszunehmen. Warum sind Sie dennoch in den Jugendwerkhof eingewiesen worden?

Michael Witte: Naja, ich habe eben über die Stränge geschlagen. Ich war gerade 14, habe mich mit den falschen Leuten rumgetrieben, die Schule geschwänzt und ganz schön auf den Putz gehauen, Straftaten begangen, Einbrüche, Diebstähle und solche Sachen.

Und dann?

Ich bin, wie gesagt, nicht mehr regelmäßig zur Schule gegangen. Das fiel irgendwann auf. Und dann standen die vom Jugendamt in der Klasse. An diesem Tag war ich auch ausgerechnet da. Das muss der Lehrer gleich gemeldet haben. Da gab es gerade Halbjahreszeugnisse.

Wie ging’s weiter?

Die haben zu mir gesagt: Wir gehen jetzt zum Arzt. Und haben mich mitgenommen. Ich habe mir dabei nichts gedacht. Das gab’s ja damals, diese Untersuchungen in der Schule, Impfungen und so weiter. Aber die haben mich direkt in ein Durchgangsheim in Berlin Alt-Stralau gebracht. Stellen Sie sich mal vor: Man hat nicht mal meine Eltern informiert! Dort bin ich dann drei Monate geblieben. Die mussten ja erstmal einen Platz für mich finden. War ja alles voll in den anderen Heimen.

Wo sind Sie danach hingekommen?

Dann bin ich nach Wittenberg in den Jugendwerkhof gekommen. So Knall auf Fall musste ich in Alt-Stralau in einen Barkas steigen und wurde regelrecht abtransportiert. Wie ein Schwerverbrecher. Ich wusste weder, wo es hingeht, noch warum ich weg musste. Und der Fahrer hat nicht mit einem gesprochen.

Wie lange mussten Sie in Wittenberg bleiben?

Von April 1981 bis September 1983. Ich war in der Außenstelle „Antoniusmühle“ untergebracht.

Können Sie kurz beschreiben, wie es dort war?

Es gab vom Jugendwerkhof Wittenberg zwei Außenstellen. Einmal „Luthersbrunnen“ und einmal „Antoniusmühle“. Jede Außenstelle hatte einen anderen, beruflichen Schwerpunkt. „Antoniusmühle“ war im Bereich Pflanzenproduktion tätig, die anderen in der Tierproduktion. Im Hauptheim gab es noch andere Bereiche, meist in handwerklicher Richtung wie Tischler, Maurer und so.

Können Sie Ihre Einrichtung kurz beschreiben?

Die Einrichtung war abgeschottet. Wir waren in einem Haus untergebracht, das stand irgendwo in der Walachei auf einem Feld. Bis zur Stadt, wo unsere Arbeitsstelle war, brauchten wir eine ¾ Stunde zu Fuß. Das mussten wir täglich laufen. Zu jeder Jahreszeit. Bei Wind und Wetter.

Das Haus hatte 2 Etagen und pro Etage 2 Zimmer. Insgesamt waren wir 16. Alles Jungs. Für uns waren 6 Erzieher zuständig. Immer im Wechsel. Die hatten Schichtdienst. Nachts war noch eine Nachtwache da. Der Typ war aber schwer dem Alkohol zugetan.

Wir hatten einen Aufenthaltsraum mit einem Fernseher. Da kamen aber nur die Erzieher ran. Der Fernseher war eingeschlossen. Einen Raucherraum gab’s auch. Duschen und Toiletten waren in einem katastrophalen Zustand. Absolut eklig und heruntergekommen. Bei den Zimmern ging das. Die mussten wir selbst in Ordnung halten.

Wie war denn das Verhältnis der Jugendlichen untereinander?

Man hatte immer jemanden, mit dem man sich anfreunden konnte. Aber es gab, vor allem nachts, viele Prügeleien. Da ist viel Blut geflossen. Die Erzieher wussten das, haben aber nichts gemacht. Selbsterziehung nannten die das.

Wie war der typische Tagesablauf im Jugendwerkhof Wittenberg?

Zwischen fünf und sechs Uhr sind wir aufgestanden. Dann ging’s zum Waschen. Schnelles Frühstück. Und dann zur Arbeit. Immer zu Fuß, wie gesagt, eine ¾ Stunde bei Wind und Wetter. 16 Uhr war Feierabend. Danach war dann Freizeit.

Was war denn Ihre tägliche Arbeit?

Wir mussten dann beim Bauern aushelfen. Die haben uns die Arbeit zugeteilt. Manchmal mussten wir einem Traktor hinterherlaufen und Steine vom Feld aufsammeln und auf einen Hänger schmeißen. Oder Rüben hacken. Im Winter standen wir aber auch oft am Fließband.

Wie ging es für Sie nach dem Jugendwerkhof weiter?

Mir wurde vom Staat Arbeit besorgt. Als Transportarbeiter beim VEB Perfekt in Berlin. Da musste ich Lkw be- und entladen. Die Kollegen dort waren super. Die haben mich gleich in Ihr Kollektiv aufgenommen. Ich habe hier bis 1989 gearbeitet.