Berlin (dpa) - Frankreich, 18. Jahrhundert. Eine abgelegene, bretonische Insel, zwei Frauen und die Unmöglichkeit der großen Liebe: Die französische Regisseurin Céline Sciamma bringt mit "Porträt einer jungen Frau in Flammen" eine ebenso traurige wie zauberhafte Liebesgeschichte auf die Leinwand.

Der Film beginnt mit einer Szene, in der die Malerin Marianne (Noémi Merlant) ihren Schülerinnen Modell sitzt. Dass sie einen großen Schmerz mit sich herumträgt, wird allein durch ihren Blick klar. Als eine Schülerin ein altes Gemälde von ihr aus dem Depot holt, das eine Frau mit einem brennenden Kleid, die titelgebende "junge Frau in Flammen", zeigt, kann sie ihre Emotionen nicht zurückhalten.

In einem Rückblick wird nun erzählt, was es mit dem Bild und dem Schmerz in Mariannes Blick auf sich hat. Denn Marianne hatte einst einen ungewöhnlichen Auftrag: Sie soll das Porträt einer Frau malen, die das partout nicht will. Eine italienische Gräfin holt sie auf die Insel, um ihre Tochter Héloise (Adèle Haenel) zu malen.

Doch die junge Frau weigert sich standhaft, Modell zu sitzen, weil das Porträt sie nach Mailand führen wird, wo sie einen Mann heiraten soll, den sie nicht kennt. Das Bild soll ein Geschenk für den künftigen Gatten sein. Die Verweigerung ist die einzige Möglichkeit der Rebellion, die ihr dagegen bleibt. Aus der Klosterschule hat ihre Mutter sie nach dem Selbstmord der Schwester (hier eine drastischere Form der Flucht aus den Zwängen der Welt) herausgeholt. Damit ihrer zweiten Tochter das nicht auch passiert, darf sie das Haus nicht ohne Begleitung verlassen.

Marianne versucht nun, sich das Gesicht von Héloise vor allem bei gemeinsamen Spaziergängen an den Klippen so einzuprägen, dass sie es später zu Papier bringen kann. Die verstohlenen Blicke, die sie ihr dabei immer wieder zuwirft, bleiben nicht unbemerkt und sind schnell mehr als nur ein Arbeitsinstrument. Denn die beiden Frauen freunden sich erst an und verlieben sich dann rettungslos ineinander. "Haben Sie von mir geträumt?" - "Nein, ich habe an Sie gedacht."

Vor allem als Héloises Mutter abreist, um die Hochzeit in Mailand in die Wege zu leiten, erleben die beiden Frauen zusammen mit der Magd Sophie unbeschwerte Tage - allerdings hat Sophie ihre ganz eigenen Probleme: Sie ist schwanger und will das Kind unter keinen Umständen bekommen.

Niemand stellt in dem Film eine moralische Frage nach der Abtreibung. Dass Frauen - auch in der Zeit - ein Recht darauf und auf ihren eigenen Körper haben, stellt Sciamma nicht zur Debatte. Und als Sophie ihr Kind abtreiben lässt, hält das Baby der Frau, die ihr dabei hilft, ihr die Hand. Die vielleicht eindrucksvollste Szene in diesem an bleibenden Bildern reichen Film. Streckenweise ist der Film, der in Cannes für das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde, selbst ein Gemälde.

Es ist eine männlich dominierte Welt, in der die Frauen leben - aber Männer kommen im Film nicht vor. Sciammas Film ist ein zutiefst feministischer, in der Frauen sich selbst genug sind, sich an andere Frauen wenden, wenn sie Hilfe brauchen und glücklich wären, wäre diese Welt nicht umgeben von einer anderen.

Sciamma braucht keine großen Gesten, um die Geschichten ihrer Hauptfiguren zu erzählen. Es sind vor allem die Blicke der Frauen, in denen Großes passiert. Der weibliche Blick. So ist der Film ein wichtiger Beitrag zu Geschlechterdebatte, eine feministische Befreiungsgeschichte, vor allem aber eine zauberhafte Darstellung des Verliebens.

Porträt einer jungen Frau in Flammen