Buddhas von Bamian

20 Jahre nach Zerstörung: Schmerzende Leere

Vor 20 Jahren zerstörten die Taliban die kolossalen Buddha-Statuen im afghanischen Bamian-Tal. Ein Augenzeuge erinnert an den Verlust.

Kabul (dpa) l Sajid Mirza Ahmadi erinnert sich nur zu gut daran, wie schwer die unheilbringenden Ungetüme waren. Er und andere Gefangene hätten Fliegerbomben aus verlassenen Waffendepots holen müssen. Sechs bis acht Mann brauchte es und dicke Holzstöcke, um nur eine einzige davon zu tragen. Insgesamt waren es 21 an der Zahl, erinnert er sich, die sie in den Höhlen unter dem Großen Buddha platzierten. Die Taliban wollten nach Tagen erfolgloser Versuche – mit Gewehrfeuer, Raketen, und schließlich Artillerie – sichergehen, dass sie die kolossale, 53 Meter hohe Statue im zentralafghanischen Bamian nun endlich in Schutt und Asche legen.

Als es rumste, lagen Ahmadi und andere der rund 110 Gefangenen, die die Taliban mit vorgehaltener Waffe zur Zerstörung eingespannt hatten, unweit des Felsen bei einer Moschee. Die Islamisten selbst hätten sich weit zurückgezogen, denn sie hätten Sorge gehabt, die Fliegerbomben und unzähligen zusätzlichen Minen, Mörser und Metallstücke würden ein derart explosives Gemisch ergeben, dass der ganze Felsen kollabiere und auch sie unter sich begrabe. Sajid Ahmadi und die anderen, die mit dem Zündkabel lagen und auf das Kommando warteten, fürchteten um ihr Leben. Doch weder die Hoffnungen der einen, noch die Ängste der anderen erfüllten sich: Der Buddha verlor gerade einmal seine Beine.

Nachdem sie den Staub von ihren Kleidern abgeschüttelt hatten, blieb ihnen nichts übrig, als abermals von vorne zu beginnen. Bohrer seien aus der Stadt Pul-e-Chumri beschafft worden, um nun Löcher in den Felsen zu bohren und weitere Sprengvorrichtungen zu platzieren. Ausländische Ingenieure seien hinzugezogen worden, erzählt Ahmadi, deren Bärte und Gewänder lang waren. Täglich habe es zwei bis drei Sprengungen gegeben. Immer wieder seien dabei kleinere Statuen mit menschenähnlichen Köpfen und von Enten zutage getreten. Die Taliban hätten Kisten und Baumwolle vom Basar gebracht, die Artefakte eingepackt und zum Flughafen geschickt.

Am Ende habe er mehr als 25 Tage gezählt, bis der 53 Meter hohe Große Buddha und der mit 38 Metern etwas kleinere in Trümmern lagen. Am 12. März 2001 bestätigte die Kulturorganisation der Vereinten Nationen (Unesco) die Zerstörung der beiden weltberühmten Statuen aus dem 6. Jahrhundert, dieser monumentalen Zeugen der präislamischen Vergangenheit des Landes. Die Afghanen reagierten entsetzt, und mit ihnen die Welt. Die Islamisten schlachteten neun Kühe und tanzten den Attan, erzählt Ahmadi.

Heute sieht Ahmadi täglich die Nischen der Statuen, wenn er zum Markt geht, wo er Fahrräder repariert. Damals, als alles passierte, sei er schon zutiefst enttäuscht gewesen ob der Zerstörung. Bis heute könne er keine Ruhe finden. Wenigstens eine der Statuen solle wiederhergestellt werden, wünscht er sich.

Wie Sajid geht es vielen Bewohnern von Bamian-Stadt beim Blick auf die leeren Nischen. Heute, 20 Jahre später, wird weiter über einen Wiederaufbau der Statuen diskutiert. Und bis heute ist ungelöst, wie man die Felsfassaden samt ihren Hunderten Höhlen und Schreinen mit buddhistischen Malereien und die beiden kolossalen Nischen wiederbeleben könnte, oder sollte. 

Der Bauforscher Georgios Toubekis hat an der RWTH Aachen den kulturellen Masterplan für Bamian miterstellt und viele Jahre Konservierungsarbeiten am Kleinen Buddha begleitet. Er versteht den Wunsch der lokalen Bevölkerung, etwas zu sehen. "Die Menschen brauchen Anschaulichkeit", erklärt er. 

Doch man gerate schnell in den Konflikt, wie weit ein Wiederaufbau authentisch sei oder wer dabei die Richtung vorgeben sollte. Die bisherigen Ideen für den kleinen Buddha reichten von einem teilweisen Wiederaufbau mit den vorhandenen Trümmern über einen Neubau mit lokalen Materialien und Arbeitern in Lehmbauweise bishin zu einer 3D-Replika aus Marmor.

Zudem brauche es finanzielles Durchhaltevermögen, sagt Toubekis. Und auch wenn es am Geld nicht scheitere, wer könne gerade fünf Jahre Stabilität garantieren? Die Aussicht darauf sei in den vergangenen Jahren eher trüber geworden, von den technischen Herausforderungen – beim Großen Buddha rede man von einer Höhe, die 20 Stockwerken entspricht, die in einem Erdbebengebiet gebaut werden müssten - gar nicht zu sprechen. "Ich sehe aktuell niemanden, der in der Lage wäre, einen Wiederaufbau umzusetzen."

Die Überreste des zerstörten Kleinen Buddha sind mittlerweile gesichert und die leere Felsnische stabilisiert. Die gesicherten Steine sind allerdings sehr fragil – und ihre dauerhafte Stabilisierung mit den Möglichkeiten vor Ort nicht gelöst. Beim Großen Buddha ist weiter viel Felssicherung notwendig, bevor man überhaupt daran denken könnte, etwas wieder aufzubauen. Dort hingen große Brocken an der Wand, die eines Tages auch runterfallen werden. "Das Geld reichte für die Errichtung des Gerüsts, aber seither gibt es keine Mittel mehr, um die weiteren notwendigen Arbeiten anzugehen", sagt Toubekis. 

Trotz der schmerzhaften Leere strömen jährlich tausende Menschen aus allen Provinzen Afghanistans und hunderte Besucher aus dem Ausland nach Bamian-Stadt, um die Nischen zu sehen. Der Große Buddha kann nur von vorne betrachtet werden, aber sie steigen die engen Stufen rund um den Kleinen Buddha hinauf, blicken auf das Bamian-Tal hinunter, bestaunen buddhistische Wandmalereien, aber auch eine durch Rauch geschwärzte Höhle, auf deren runder Decke hunderte Schuhabdrücke sind - angeblich von Taliban, die so ihre Abneigung gegenüber dem vermeintlichen Götzen ausdrückten. 

Wieso die Islamisten die Statuen zerstörten, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Ende Februar 2001 hatte der Taliban-Gründer Mullah Mohammad Omar befohlen, "alle Statuen und nicht-islamischen Schreine in den verschiedenen Gebieten des Islamischen Emirats zu zerbrechen". Dabei waren die Statuen davor – ebenso durch ein Dekret des Taliban-Führers – geschützt worden.

Es gab Berichte über Hardliner in Taliban-Reihen, die eine Zerstörung forderten; aber auch über einen möglichen ausländischen Einfluss, etwa dass arabische Al-Kaida-Mitglieder, die damals unter dem Schutz der Taliban in Afghanistan lebten, eine Rolle gespielt haben könnten.

Gleich ungeklärt ist, wie die Taliban heute auf die historische Stätte blicken. Sie kontrollieren wieder weite Landstriche und könnten im Zuge aktuell laufender Friedensgespräche bald an der Regierung beteiligt werden. Auf verwundertes Interesse stieß eine kürzlich veröffentlichte Mitteilung der Islamisten, in der sie ihre Kämpfer anwiesen, antike Artefakte zu schützen und illegale Ausgrabungen zu unterbinden. 

Zur Zerstörung der Buddha-Statuen sagt Taliban-Sprecher Sabiullah Mudschahid heute, dies sei ein Entschluss gewesen, der damals gefällt worden sei. Dieser habe auf einer gerichtlichen Entscheidung basiert. Die Buddhas seien ein Ausnahmefall gewesen, nicht mit allen historischen Stätten werde so umgegangen. Von ihnen abgesehen gebe es Artefakte wie Minarette, Festungen und andere antike Denkmäler in Museen, die geschützt werden müssten.