Magdeburg l „Als ich euch damals lassen mußte / War ich beinah noch ein Kind / Das nichts von all den Tiefen wußte / Die oft ein buntes Trugbild sind.“ Die Zeilen stammen aus einem Gedicht von Edeltraud Ekkert. Es entstand in der Strafvollzugsanstalt Waldheim. Eckert war Häftling Nummer 3911. Sie hatte einer Widerstandsgruppe in Rathenow angehört, die bei einer Flugblattaktion 1950 aufflog. 25 Jahre Haft. Auf Waldheim folgte das berüchtigte Hoheneck.

101 Gedichte sind von Edeltraud Eckert erhalten. Sie stehen „exemplarisch für Maß, Kreativität und Eigensinn einer verhinderten Schreibgeneration junger Stimmen in der frühen DDR“, heißt es im Buch „Gesperrte Ablage“. Geipel schrieb den Text zu Eckert, nennt sie „die skalpierte Dichterin“, weil ihr bei einem Arbeitsunfall in der Haftzeit die Kopfhaut abgerissen wurde. Sie starb 1955.

Edeltraut Eckert ist eine von 100 Autoren, denen die beiden Literaturwissenschaftler Geipel und Joachim Walter eine Stimme und ein Gesicht geben. Jahrelang haben sie dafür recherchiert, Nachlässe ausgewertet, Detektivarbeit betreiben müssen. Sie mussten Texte aufspüren, die es eigentlich nicht gab. Sie seien manchmal nur noch vorhanden, weil die Stasi sie gesammelt habe, sagt Geipel. „Die Texte waren Beweismaterial. Die Stasiunterlagenbehörde war unser stärkster Materialgeber.“

Versuch einer Gesamtschau

Geipel, einstige Sprintweltrekordlerin an der Seite von Wöckel, Auerswald und Göhr, die sich in ihrem späteren Kampf gegen DDR-Doping nicht nur Freunde gemacht hat, hat die Jahre der frühen DDR erarbeitet, eine Zeit, in der die Menschen die Diktatur mit einer anderen Wucht erlebten als in den 70er, 80er Jahren, jene Nach-Ulbricht-Ära, die Joachim Walther beleuchtet. Es habe damals einen Strategiewechsel gegeben, sagt Geipel. „Aber Zensur war Zensur und die hat es bis zum Ende der DDR gegeben.“

Die Autorin spricht vom Versuch einer Gesamtschau der unterdrückten Literatur der DDR – von der Gefängnisliteratur der 1950er Jahre bis hin zu Agonietexten in den 80ern.

Es geht beiden Autoren um einen neuen Blick auf die DDR-Literaturgeschichte, fernab von Christa Wolf und Hermann Kant, auch fernab der deutsch-deutschen Literaturexilanten wie Uwe Johnson, Thomas Brasch und Erich Loest. Auch sie finden sich wieder, aber eine Stimme erhalten die nicht veröffentlichten, die unbekannt gebliebenen Poeten mit den Brüchen in ihren Schriftstellerkarrieren, ihren zerstörten Leben, ihren verbotenen Texten. Wie Jutta Petzold, eine experimentelle Literatin. Sie schrieb einst: „Meine Dichtungen werden eines Tages zutage treten.“

Ines Geipel und Jochim Walter: „Gesperrte Ablage“, Lilienfeld Verlag, 432 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-940357-50-2