Halle/Berlin l Irgendetwas Besonderes muss mit diesem Stück Metall sein. Bis heute erhält das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle regelmäßig Briefe mit Erklärungen, zu welchem Zweck die „Himmelsscheibe von Nebra“ genutzt werden kann. Zum Glück werden alle Briefe gelesen, denn unter den vielen, die mehrseitige mathematische Berechnungen, Verschwörungstheorien, geklöppelte Himmelsscheibendeckchen enthielten, war auch ein Brief von Rahlf Hansen, Astronom am Planetarium Hamburg. Hansen interpretierte die Darstellung auf der Scheibe als Grundlage für die Schaltjahrbestimmung.

Diese Argumentation war so überzeugend, dass sie die Forschung zur Himmelsscheibe vom Mittelberg bei Nebra entscheidend vorantrieb. Möglich gemacht hat sie Harald Meller, Museumsdirektor in Halle, Landesarchäologe und oberster Denkmalpfleger in Sachsen-Anhalt. Er vertraute seiner wissenschaftlichen Erfahrung und ließ nicht locker, bis der 1999 aufgetauchte Raubgräber-Fund 2002 in seinem Museum war. Danach stieß Meller eine umfassende interdisziplinäre Forschung zu Sinn und Zweck, Materialherkommen, Herstellungsweise und zur Entstehungszeit der Scheibe an.

Populärwissenschaftliche Beschreibung

Diese jahrelangen Forschungen und neuen Grabungsfunde im Umfeld der Scheibe förderten erstaunliche Erkenntnisse und spektakuläre Entdeckungen zutage. Nur eine populärwissenschaftliche Beschreibung all dieser Ereignisse und Forschungen gab es bisher nicht. Das holen Harald Meller und der Journalist Kai Michel jetzt auf 320 meist sehr interessanten Seiten ihres Buches „Die Himmelsscheibe von Nebra“ nach.

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Das Buch solle kein reines Fachbuch werden, heißt es am Anfang. Das hat geklappt. Es ist streckenweise sogar eine durchaus launige Erzählung auf wissenschaftlicher Grundlage geworden. Umso erstaunlicher ist es, dass die Autoren nicht auf ermüdende Medienschelte verzichten. Auch ein strengeres Lektorat hätte dem Text sprachlich gut getan. Dann wäre der Bornhöck nicht zum „Moby Dick unter den Grabhügeln“ geworden und manch nervende Redundanz wäre gestrichen.

Zum Glück überwiegt jedoch ein ruhiger wissenschaftlicher Erzählton, der dem Thema wesentlich angemessener ist als der aufgeregte Versuch der ersten 170 Seiten, die Geschichte vom Finden und Sichern der Scheibe samt verdeckter Ermittler in einer Schweizer Bar und einem völlig verstörten Museumsdirektor auf dem Herrenklo irgendwie rasant zu erzählen. Diese sprachliche Aufregung ist manchmal fast ein wenig peinlich, denn die Geschichte ist so voller skurriler Wendungen, neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, großer Überraschungen, spektakulärer Grabungsfunde und interessanter Gedankenspiele, dass der Leser gar nicht anders kann, als dem Forschungsbericht atemlos zu folgen.

Bronzezeit erscheint nicht als Barbarenkultur

Denn durch das neue Wissen erscheint die Bronzezeit in Mitteldeutschland nicht mehr als Zeit einer schriftlosen Barbarenkultur, sondern als eine Zeit, in der ein reich vernetztes, über 400 Jahre bestehendes Staatengebilde mit Fürsten, die zahlreiche Handelsbeziehungen bis in den Orient pflegten, existierte.

Folgt man dieser Argumentation, erscheint die Meller’sche Idee, einen Prinzen von Aunjetitz zu Hammurapi nach Babylon reisen zu lassen, gar nicht mehr abwegig. Dort erfuhr der Prinz aus dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt alles über Himmelsbeobachtung und die Berechnung der Schaltjahre. Zurück in der Heimat, ließ er sein Wissen in Bronze und Gold fassen.

Seine Nachfahren veränderten die um 1800 vor Christus entstandene Scheibe, die sich in den darauf folgenden 200 Jahren immer mehr vom Wissensspeicher zum Kultgegenstand entwickelte und als solcher – aufrecht stehend, wie ihn die Raubgräber 4000 Jahre später fanden – den Göttern geopfert wurde.

Auch wenn nicht alles perfekt ist in diesem Buch – es ist die beste Werbung für die Archäologie, die heute allzu oft nicht mit weltbildverändernden Erkenntnissen in Verbindung gebracht, sondern nur als störende Bauverzögerung wahrgenommen wird.

Harald Meller, Kai Michel: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“, Propyläen Verlag, Berlin 2018, 320 Seiten, 25 Euro.