Merseburg l Aufgeschlagen liegt ein Sakramentar, eine wertvolle Handschrift aus der Domstiftsbibliothek. Dieses beschriebene Pergament aus der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde einst für die Lithurgie im Merseburger Dom verwendet. Zu sehen ist eine Seite mit der kunstvoll ausgestalteten T-Initiale, um die herum Thietmar einst selbst Bemerkungen notierte. Zu lesen ist dort von seiner Bitte an seinen bischöflichen Nachfolger, dass er sich doch seiner erinnern soll. Ein Thietmarscher Memoria-Wunsch. So wie er das Leben seiner Zeitgenossen und seiner Vorfahren schriftlich festhielt, so erhoffte er sich auch ein Nicht-Vergessenwerden seiner Person.

In Merseburg wurde 2001 schon einmal an Thietmar in einer Ausstellung erinnert, auch 2015, als der Kathe­dralbau 1000 Jahre alt wurde. „Ich selbst legte am 18. Mai die Grundsteine“ hatte Thietmar in seiner Chronik für die Nachwelt geschrieben. In der damaligen Schau, in der ebenfalls ein Fragment der Chronik zu sehen war, ging es um den Kaiserdom, jetzt wird erstmals das in acht Bücher eingeteilte Geschichtswerk ins Zentrum gestellt.

Fragmente der Chronik

Von der Chronik, Leihgabe der Sächsischen Landesbibliothek, ist ein Fragment zu sehen. Weite Teile des Werks, für das Thietmar in Merseburg einst bis zu acht Schreibern diktierte und das in Zeiten der Reformation nach Dresden gelangte, sind im Zweiten Weltkrieg stark zu Schaden gekommen. Eine von Feuer und Wasser beschädigte Lage der Chronik ist ausgestellt. Das große Glück für die Forschung: 1905 wurde der Kodex abfotografiert.

Thietmar, dessen 1000. Todestag sich am 1. Dezember jährt, wollte ursprünglich, so erzählt Kurator Markus Cottin, die Geschichte Merseburgs und des Bistums aufschreiben. Letztlich wurde es die Geschichte des sächsischen Königshauses, eine Geschichte der Ottonen. Thietmar von Merseburg, so sagen Experten, hat mit seiner Chronik eines der bedeutendsten Geschichtswerke des Mittelalters geschaffen.

Gute Bildung

Was in Merseburg zu sehen ist, ist keine Ausstellung über Thietmar, der als Biograf auch über sein eigenes Leben schrieb. In Quedlinburg und Magdeburg, den Begräbnisorten Heinrichs I. und Ottos I., erhielt er gute Bildung und lernte so die Frühzeit der Ottonen kennen, der er in memoria nachspürt. Die Schau zeigt vielmehr die von ihm detailreich festgehaltene Epoche und ihre Herrscher: Otto I., Otto II., Otto III. sowie Heinrich I. und Heinrich II.

Was ist die Chronik? Cottin: „Es ist eine Geschichte des sächsischen Adels, die zugleich politische Geschichte und die Denk- und Lebenswelt festhält“, sagt der Kurator. So sei von Geistererscheinungen zu lesen, von Hungersnöten, Reisen mit dem Schiff. „Zum Schluss wird es fast tagebuchartig“, so Cottin. „Und er bewertet. Er teilt seine Meinung mit. Das macht die Chronik so farbig.“

Zitate und Geschichten

Einzelnen Zitaten werden Objekte und Geschichten zugeordnet. So steht beispielsweise ein Flugfunken aus einem Bergbaubetrieb aus Goslar, das kleinste Exponat ist unter einem Vergrößerungsglas zu sehen, für Thietmars Beschreibung des goldenen Zeitalters unter Kaiser Otto I. „Bei uns wurde erstmals eine Silberader entdeckt“, heißt es im Buch 2, Kapitel 13. Ein kunstvoll aus Elfenbein gefertigter Weihwasserkübel, eine Leihgabe aus dem Mailänder Domschatz, erinnert an den Besuch Ottos II. 980 in der Stadt. Als Chronist erzählt Thietmar von der Politik des Sohnes Ottos I., von dessen Kampf gegen die Sarazenen, auch vom Jähzorn des Herrschers.

Bis zu seinem Tod 1018 führte Thietmar seine Aufzeichnungen, die jetzt durch 110 Leihgaben von 52 Museen und Sammlungen aus ganz Europa erlebbar werden. Aufgeteilt sind sie auf den Dom und die wenige Meter entfernte Willi-Sitte-Galerie. Am besten, man startet seinen Gang in der Galerie, weil dort das Sakramentar und die Chronik auf den Besucher warten.