Der Künstler und das Archiv in Magdeburg

Stefan Wewerka wurde 1928 in Magdeburg geboren. Er studierte von 1946 bis 1950 Architektur an der Hochschule der bildenden Künste in Berlin. Später arbeitete er unter anderem in den Büros der Architekten Hans Schilling in Köln und Hans Scharoun in Berlin. 1965 Gastprofessur an der Fakultät für Kunst und Architektur der Washington University. Ab 1967 freie künstlerische Arbeit. 1977 bis 1993 Professur an der Fachhochschule Köln. 1987 Teilnahme an der documenta 8 in Kassel. 2013 starb Stefan Wewerka in Berlin.

Auf Initiative der Familie Wewerka und des Forum Gestaltung e. V. wurde gemeinsam mit der Stadt Magdeburg im Juni 2014 das Wewerka-Archiv gegründet. Es hat die Aufgabe, das Werk Stefan Wewerkas und seiner Familie, die mit Vater Rudolf, Onkel Hans und Stefan Wewerkas Sohn Philipp mehrere Künstlergenerationen hervorgebracht hat, zu bewahren, zu pflegen, zu sammeln, zu erschließen und zu vermitteln.

Das Archiv hat seinen Sitz im Forum Gestaltung in Magdeburg.

Magdeburg l Noch wird montiert, aufgebaut und gefeilt an der neuen, großen Ausstellung zu Stefan Wewerka. Aber eines ist beim Blick in die Schau schon deutlich zu erkennen: Hier ist vieles schräg.

Ein Aktenkoffer wie ein Parallelogramm in Schieflage. Wewerkas eigenwillige Stuhl-Skulpturen auf einer großen Schräge. Das „Café Belgique“ als Zeichnung und als Modell ganz aus den Augen des Künstlers: Stühle, Tische, Wände, Treppen – alles kippt. Wie er auch selbst in einer fotografischen Performance. Mit dem kippenden Wewerka wirbt das Forum Gestaltung für die morgen Abend öffnende Schau. „Fallstudie“ ist denn auch eines von insgesamt vier zu sehenden Kapiteln überschrieben.

Der Name des 1928 in Magdeburg geborenen und 2013 in Berlin gestorbenen Künstlers ist untrennbar mit dem Schrägen verbunden. Kurator Norbert Eisold will ihn aber nicht darauf reduziert wissen. „Wewerka wollte die Perspektive auf die Welt ändern, den Blickwinkel anderer einnehmen“, sagt Eisold. Schon im Eingangsbereich empfangen den Besucher auf einem großen Plakat drei Sätze, mit denen Wewerka die Welt auseinandernimmt und dann wieder zusammensetzt.

Bilder

Fächertische und dreibeinige Stühle

Auch dieses Auseinandernehmen ist typisch Wewerka. Er zerteilte schon mal den Kölner Dom und setzte ihn neu zusammen, neigte und drehte Fenster, Portale, Türme. Mitnichten wollte er zerstören. Es ging ihm um das Verwandeln, Trennen und Verfremden. Immer eine andere Wahrnehmung im Blick.

Wewerka galt als Multitalent. Er war Architekt, Grafiker, Designer, Maler, entwarf Möbel und Stühle und drehte Filme. Norbert Pohlmann, Geschäftsführer des Vereins Forum Gestaltung, hatte ihn 2004 kennengelernt und erinnert sich gern an die geistreichen Begegnungen. Eine erste Würdigung in Magdeburg gab es 2013 mit einer Werkschau im Forum Gestaltung. Der Künstler hat sie nicht mehr erlebt. Er war wenige Wochen zuvor gestorben.

Doch das Wewerka-Archiv, 2014 gegründet und mit Sitz im Forum Gestaltung, hält den Nachlass wach und ermöglicht die jetzige umfangreiche Ausstellung. Zwölf Leihgeber aus dem In- und Ausland erweitern den Blick auf Wewerkas Fülle an Ausdrucksformen. Vom Kunstmuseum Kolumba Köln reiste zum Beispiel der Küchenbaum an, eine mobile Kücheneinheit mit Spüle, Ablage und Herd. Eine höchst minimalistische Lösung des Wohnens. Auch Mode ist zu sehen, Malerei, Zeichnungen, Bildhauerei, etliche Entwürfe wie seine Idee einer Überbauung des Mains mit einer Wohnbrücke.

Wewerkas Fächertisch darf in solch einer großen Schau nicht fehlen, natürlich ist auch sein Einschwinger ausgestellt und einige der Drei-Beiner, die heute immer noch produziert werden.

Ein Erbe des Bauhauses

„Er war Spötter, Aufklärer, Satiriker. Nicht destruktiv, sondern konstruktiv“, sagt Pohlmann zu den immer neuen Sichtweisen eines Stefan Wewerka. Der gebürtige Magdeburger, der den bekannten Bauhäusler Mies van der Rohe als großes Vorbild hatte, habe die Moderne weitergeschrieben. „Er ist einer der Erben des Bauhauses, der sehr eigenwillig mit diesem Erbe umgeht“, so Eisold. Pohlmann fügt an: „Wir können froh sein, diesen Geist in Magdeburg zu haben.“

In der Landeshauptstadt ist die Schau bis 14. Juli zu sehen. Dann reist sie zum Kooperationspartner ins Kunstmuseum Villa Zanders nach Bergisch-Gladbach.

Ausstellungseröffnung am 28. März, 19.30 Uhr im Forum Gestaltung, Brandenburger Straße 9–10. Geöffnet mittwochs bis sonntags 14 bis 18 Uhr.