Herr Siedhoff, haben Sie als Kind mit dem „Kleinen Schiffbauspiel“ ihrer Mutter gespielt?
Joost Siedhoff:
Ja, natürlich. Das Spiel ist ja so herrlich variabel, man kann damit Segelschiffchen bauen, aber auch Brücken, Häuschen und vieles andere mehr. Der Fantasie sind da keine Grenzen gesetzt. Ein wenig inspirieren lassen kann man sich dabei von der Gebrauchsanweisung, die meine Mutter auf den Holzkasten hatte aufdrucken lassen.

Ihre Mutter hat am Bauhaus in der Holzbildhauerei gearbeitet, Ihr Vater, Werner Siedhoff, war Schauspieler, Tänzer und Pantomime an der Bauhaus-Bühne von Oskar Schlemmer. Sie selbst sind 1926 in Dessau geboren und haben Ihre ersten beiden Lebensjahre dort verbracht. Haben Sie noch Erinnerungen an Dessau?
Ich war „das Jüngsken“ für die Bauhaus-Leute, und weil ich wohl auch ein ganz hübscher Bursche war, wurde ich viel herumgereicht. Es gibt ein Foto von mir, nach Bauhaus-Manier steil von oben aufgenommen, da stehe ich nackig im Souterrain des Bauhaus-Gebäudes unter der Dusche, mit einem Schwamm auf dem Bauch.

Auf einem anderen Foto sitze ich in einem Mies-van-der-Rohe-Stuhl auf einem der kleinen Balkons des Bauhaus-Gebäudes, und man sieht die Hand meiner Mutter an der Balkontür, mit der sie sofort hätte zugreifen können, falls ich heruntergefallen wäre.

Bilder

Sind Sie denn auch mit den Kindermöbeln groß geworden, die von Ihrer Mutter entworfen worden waren?
Ja, aber die Einrichtung war doch stark reduziert, denn wir wohnten in einer kleinen Dachgeschosswohnung eines Siedlungshauses in der Kurzen Zeile in Dessau (der heutigen Herman-Löns-Str., die Verfasserin), und da gab es nicht viel Platz. Aber an der Wand, das erinnere ich noch, hing ein echter Oskar Schlemmer. 

Die Möbel-Entwürfe waren, genauso wie das „Schiffbauspiel“, so erfolgreich, dass die Jenaer Firma Zeiss sie für ihren Betriebskindergarten angekauft. Heute würde man sagen, sie waren ein Verkaufsschlager.
Das waren sie wirklich. Angefangen hatte es ja 1923 mit der ersten Bauhaus-Ausstellung in Weimar. Da bekam meine Mutter den ehrenvollen Auftrag, für das Musterhaus, das „Haus am Horn“, das gesamte Kinderzimmer auszustatten, vom Teppich, über die Deckenleuchte, bis zu allen Möbeln und Spielsachen. Meine Mutter hatte ein ungeheuer feines Gefühl für Kindgerechtigkeit. Der Spielschrank zum Beispiel ist nach kindlichen Maßen entworfen, hat ein Puppentheater und unter-schiedlich hohe Würfel, die man aus dem Schrank herausziehen und als Bänke benutzen kann. Einer dieser Würfel hat sogar Räder, so dass man damit fahren kann. Ein Hauptverkaufsschlager waren aber übrigens die aus Bast hergestellten Wurfpuppen. 

Anders als das Gros der Bauhäuslerinnen, die meist in die Weberei verfrachtet wurden, bekam Ihre Mutter 1923, also bereits ein Jahr nach Aufnahme am Bauhaus, die Möglichkeit, in die Holzbildhauerei zu wechseln, und dann gleich das Angebot, an der Ausstattung des „Hauses am Horn“ mitzuwirken. Haben Sie eine Erklärung für diese ungewöhnliche Karriere?
Es waren sicherlich die großen handwerklichen Fähigkeiten, über die meine Mutter verfügte. Es war aber auch ihre gute Ausbildung. Meine Mutter war die Tochter eines Reichsbahnbeamten und hatte einen Bruder, der gleich nach Beginn des Ersten Weltkrieges in der Langemarck-Schlacht gefallen war. 

Ihre Eltern waren untröstlich, aber der Vater sagte, wenn der Sohn nun tot ist, müssen wir für Alma tun, was wir nur können, hat sie in eines der besten Lyzeen in Berlin geschickt und dann auf die renommierte Reimann-Kunstschule, die damals tonangebend in Deutschland war.

1928 nach der Geburt Ihrer Schwester hat Ihre Mutter Bauhaus-Direktor Walter Gropius um Festanstellung gebeten und obwohl ihre Spielsachen und Möbel zu den meist vertriebenen Artikeln des Bauhauses gehörten, lehnte er ab. Die Begründung war, das Bauhaus verfüge nicht über die entsprechenden Mittel und Arbeiten für Kinder stünden thematisch ohnehin nur an der Peripherie des Bauhauses. Ihre Mutter muss darüber sehr enttäuscht gewesen sein.
Ja, das war sie. Die Bauhäusler waren ja alle bitterarm. Für unsere Familie bedeutete die Ablehnung, keine Existenzmöglichkeiten mehr in Aussicht zu haben und auch weiterhin von den Zuschüssen meines Großvaters leben zu müssen. Deshalb zogen wir nach Berlin und wohnten fortan bei meinen Großeltern.

 

Trotzdem pflegte meine Mutter auch weiterhin gute Kontakte zum Bauhaus, wie zum Beispiel zu Ludwig Hirschfeld-Mack oder Andor Weininger. Ein sehr unterhaltsamer Freund des Hauses war der Sohn von Paul Klee, Felix. Er hat meiner Schwester und mir Spiele beigebracht.

Die größte Enttäuschung aber war für meine Mutter, dass die Nazis das Bauhaus als jüdisch-bolschewistische Kaderschmiede verfemten und und so viel Druck ausübten, dass es 1933 geschlossen wurde. Sie konnte von da an noch nicht einmal darüber reden, dass sie einmal am Bauhaus gewesen war. Aber die Verbindungen der Bauhäusler untereinander, auch der emigrierten, sind ja auch nach 1933 nicht abgerissen. Wir pflegten vor allem gute Kontakte zu den Schlemmers, die damals noch in Berlin wohnten.

Ihr Vater bekam dann ein Engagement.
Mein Vater hat kurz nach unserem Wegzug von Dessau zum ersten Mal einen Theatervertrag bekommen, eine Rolle im „Wilhelm Tell“ am Bergtheater Thale im Harz. Unsere Familie konnte nun selbstständig leben, aber es wurde nur ein bisschen besser, denn das Bergtheater in Thale ist ja ein Saisontheater. Allerdings hat dessen Leiter meinem Vater dann ein festes Engagement am Theater in Osnabrück vermittelt, von da an hatte er ständig andere feste Engagements, so dass wir als Kinder viel in Deutschland herumgekommen sind und jeweils gleich auch die Dialekte gelernt haben. Bis mein Vater schließlich sein erstes Spitzenengagement in Frankfurt am Main bekam. Dort haben wir uns dann auch niedergelassen.

Hat Ihre Mutter denn die Tätigkeit, die sie am Bauhaus ausgeübt hatte, wieder aufgenommen?
Meine Mutter arbeitete an der Entwicklung einer Malschule für Kinder, die auch die Elemente der Bauhaus-Ausbildung enthielten, aber dann kam sie 1944 bei einem Bombenangriff ums Leben. Sie hatte bis dahin alle Angriffe auf Frankfurt überstanden und war praktisch eine Expertin dafür, wie man sich bei Bombenangriffen verhält.

Dann wurde sie dazu vergattert, in einem kleinen Betrieb in Buchschlag, im Süden Frankfurts, Militärdrillich-Anzüge auf speziellen Nähmaschinen anzufertigen. Auf den Ort war bis dahin noch nie eine Bombe gefallen, aber die Amerikaner hatten ja den Befehl, nach der Bombardierung der großen Städte auf dem Heimflug die restlichen Bomben noch auf das Umland abzuwerfen.

Und da hat eine verirrte Bombe das Häuschen getroffen, in dem meine Mutter mit den anderen Angestellten gearbeitet hat. Die Menschen, die sie später fanden, haben uns berichtet, ihr Gesichtsausdruck sei friedlich gewesen, so als sei sie vollkommen mit sich im Reinen.

In ihrem letzten Brief an Sie schrieb Ihre Mutter „in jeder trostlosen Zeit gibt es auch heitere Stunden, und man soll sie mitnehmen“.
Dieser Brief ist für mich immer ein großer Trost gewesen.

Sie haben dann selbst für sich entschieden, Schauspieler zu werden. Wie ist es dazu gekommen?
Nach dem Krieg wollte ich es ja ursprünglich meiner Mutter gleichtun und Innenarchitekt werden, doch ich hätte auf das Studium lange warten müssen, denn der Numerus clausus für das Fach war sehr hoch. Und so begann ich, Kulturwissschaft zu studieren, für die es keinen Numerus clausus gab. Ein paar Monate vorher, noch vor meinem Abitur, hatte mich der Hessische Rundfunk, der damals noch Radio Frankfurt hieß, als Sprecher für ein Hörspiel engagiert. Über eine Empfehlung begann dann für mich sozusagen aus dem Nichts eine regelrechte Funk-Karriere, die Schauspielerei hat sich dann von selbst ergeben. 

Herr Siedhoff, in diesem Jahr feiern wir das 100-jährige Bestehen der Bauhausbewegung. Was hat das Bauhaus eigentlich weltweit so populär gemacht?
Ich denke, es ist vor allem der Internationalismus, die Weltoffenheit. Die Bauhaus-Leute kamen ja aus aller Herren Länder und als das Bauhaus geschlossen wurde, sind viele von ihnen emigriert und haben die Bauhaus-Idee in die Welt hinausgetragen.

Hinzu kam: Es war ein Aufbruch in eine neue Zeit. Ich bin ja mit meinem Theaterensemble „Die Brücke“, das mit dem Goethe Institut und der Gerd von Gontard Foundation kooperiert hat, unter anderem auch sechsmal um die ganze Welt gereist, und wenn ich erzählt habe, dass ich ein Bauhaus-Kind bin, habe ich überall eine ungeheure Resonanz erfahren, auch in den entlegensten Ecken.

Welche Bedeutung hat das Bauhaus für Sie als Bauhaus-Kind heute persönlich?
Oh, eine sehr große. Ich bin häufig zu Veranstaltungen eingeladen worden und habe dort zum Beispiel aus Bauhaus-Briefen rezitiert. Solange es mein fortgeschrittenes Alter noch erlaubt, werde ich auch weiterhin gern als Vermittler und Botschafter auftreten. 

Und natürlich würde ich mich dann ganz besonders freuen, wenn ich dann auch von meiner Mutter erzählen könnte.