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Marcel Reich-Ranicki stirbt im Alter von 93 Jahren Deutschlands Literaturpapst ist tot

19.09.2013, 01:13

Frankfurt/Main (dpa) l Er war einer der berühmtesten Intellektuellen Deutschlands - und bewies auch im Fernsehen seine Qualitäten als Entertainer. Den Holocaust hat er auf abenteuerliche Weise überlebt. Jetzt ist der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki gestorben.

Bei Büchern gab es für Marcel Reich-Ranicki wenig Kompromisse: Sie wurden entweder zerrissen oder über den grünen Klee gelobt. Deutschlands berühmtester Literaturkritiker war hoch geachtet und gefürchtet zugleich. Jetzt ist seine Stimme für immer verstummt. "MRR", der 1938 in Berlin als Jude nicht studieren durfte und später zahlreiche Ehrendoktortitel erhielt, starb am Mittwoch im Alter von 93 Jahren in Frankfurt.

Auch im hohen Alter war er noch eine zentrale Instanz der Literaturszene. "MRR" war nicht nur viele Jahrzehnte der deutsche Literaturpapst, er war auch ein "begnadeter Entertainer", wie ihn Thomas Gottschalk an seinem 90. Geburtstag in der Frankfurter Paulskirche bewundernd nannte.

Das "Literarische Quartett" im ZDF, das Reich-Ranicki fast 14 Jahre lang moderierte, war für Millionen Menschen stets auch eine große Unterhaltungsshow. Von 1988 an bis 2001 wurden in 77 Sendungen rund 400 Bücher besprochen. Im August 2006 erklärte Reich-Ranicki seinen endgültigen Abschied vom "Quartett".

Des Kritikers fuchtelnder Zeigefinger, sein leichtes Lispeln und die etwas krächzende, aber durchdringende Stimme waren Markenzeichen, die oft auch parodiert wurden. Natürlich brauchte "MRR", der sich immer virtuos in Szene zu setzen wusste, auch Sparringspartner: Im "Quartett" waren dies Hellmuth Karasek, die Reich-Ranicki wenig zugetane Sigrid Löffler - zum Schluss durch Iris Radisch ersetzt - und ein wechselnder Gast.

Reich-Ranickis Urteil war oft hart, gelegentlich unfair. Verquaste Floskeln waren nicht sein Ding. Er schrieb, wie er sprach: direkt und unverblümt, aber rhetorisch geschliffen. "Die Klarheit ist die Höflichkeit des Kritikers, die Deutlichkeit seine Pflicht und Aufgabe", lautete sein Credo. Allerdings lasse sich dabei Grausamkeit "leider nicht immer ausschließen", wie er einräumte.

Das bekamen unzählige Schriftsteller zu spüren, allen voran Günter Grass. Dessen Roman "Ein weites Feld" bescheinigte er 1995 im "Quartett" und in einer "Spiegel"-Titelstory, das Buch sei "wertlose Prosa, langweilig von der ersten bis zur letzten Zeile, unlesbar!" Der gekränkte Literatur-Nobelpreisträger warf dem Kritiker Größenwahn vor. Erst 2002 kam es zu einer Annäherung. Zum 80. Geburtstag von Grass würdigte Reich-Ranicki den Autor als "nach wie vor bedeutendsten deutschen Schriftsteller".

Reich-Ranicki verband auch mit Martin Walser eine jahrelange Fehde. Diese gipfelte 2002 in Walsers Skandalbuch "Tod eines Kritikers", das wegen Antisemitismusvorwürfen beinahe nicht gedruckt worden wäre. Darin kommt ein jüdischer Literaturkritiker zu Tode, unschwer als "MRR" zu erkennen. Er und seine Frau Teofila ("Tosia") seien von dem Buch "tief getroffen", schrieb Reich-Ranicki bitter. Als Bedingung für eine Aussöhnung bestand er an seinem 90. Geburtstag im Juni 2010 auf einer Entschuldigung Walsers.

Angesichts seiner Vita, die er 1999 in seiner Bestseller-Biografie "Mein Leben" beschrieb, ist das verständlich: Nach der Geburt in Polen siedelte der junge Marcel mit seiner jüdischen Familie nach Berlin um. Die Nazis wiesen ihn 1938 nach dem Abitur nach Polen aus. Aus dem Warschauer Ghetto floh er 1943 mit seiner Frau, die er dort kennengelernt hatte.

Das Paar überlebte in Verstecken. Reich-Ranickis Eltern und die von Tosia wurden Opfer des Holocaust. In seinem letzten großen öffentlichen Auftritt schilderte "MRR" im Bundestag am 27. Januar 2012 - dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz - in bewegenden Worten, wie im Juli 1942 die Deportation der Warschauer Juden in die Vernichtungslager begann.

Reich-Ranickis Leben hieß Lesen und Schreiben. "Arbeit, Arbeit, Arbeit" sei sein Motto, sagte er einmal. Wegen seiner Arbeitswut konnte sich der rastlose Reich-Ranicki nicht wie andere aufs Altenteil zurückziehen - Urlaub war für ihn ein Fremdwort.