Magdeburg l Nicht bei jedem Operettenfreund stieß der Spagat aus der Antike in die Gegenwart auf Gegenliebe. Aber beschäftigt man sich mit den Intentionen Jacques Offenbachs, der das Werk vor mehr als 150 Jahren schuf, dann merkt man schnell, dass genau dieser Ansatz den zeitlosen Wert von Gesellschaftskritik und glänzender Unterhaltung ausmacht. Bei der Uraufführung in Paris griff die Zensur ein, denn die Anspielungen Offenbachs auf die Mächtigen der Zeit waren nur allzu deutlich.

Regisseur Ulrich Schulz, der ebenso mit exzellenten Ideen und viel Fantasie für die Bühne verantwortlich zeichnete, hat die Geschichte um die griechischen Götter und Könige, um die Dekadenz, den Werteverfall und die selbstverherrlichende Eigendarstellung vielleicht ein wenig zu konsequent in das digitale Zeitalter befördert. Manchmal ist da weniger mehr.

Götter machen Selfies und vergeben Likes

Man brauchte erst einmal ein paar Minuten, um nach dem Selfie-Einstieg des Chores den Digital-Ausflügen in das www.olymp von Kalchas, Großadministrator des Jupiter, zu folgen. Johannes Stermann sang und spielte die Rolle in der Premiere in bewährter Weise. Er ist unzufrieden mit den Opfergaben der Bewohner Spartas, die lediglich Selfies, Daten und Likes statt richtiger Spenden anbieten. Auch Helena, die Gattin von Spartas König, beklagt den allgemeinen Mangel an Liebe. Sie gilt als die schönste Frau der Welt, und Isabel Stüber Malagamba, die deutsch-mexikanische Mezzosopranistin, seit der Spielzeit 2018/19 festes Mitglied des Solistenensembles des Theaters Magdeburg, macht diesem Titel in jeder Hinsicht alle Ehre. Nach ein paar Aufwärmminuten ist sie stimmlich bestens auf der Höhe und hinterlässt auch schauspielerisch großen Eindruck, wenn sie mit viel Witz und Spielfreude die Brücke zwischen Frivolität und Zurückhaltung, zwischen dem Reiz der Langeweile und dem selbstbewussten Bekenntnis zu ihrer Liebe durchsetzt. Die Göttin Venus hat verfügt, dass ein Schäfer, der das Finale von „Mount Ida´s Next Top Model“ mit einem Apfel entschieden hat, mit der schönsten Frau der Welt ein Tête-à-Tête haben darf. Und das ist nun mal Helena. Der Begriff des Schäferstündchens ist geboren.

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Dieser Schäfer ist allerdings der Trojaner-Prinz Paris, gesungen von Benjamin Lee. Der in Los Angeles geborene Tenor hat fast seine gesamte Karriere in den USA gemacht und ist seit 2018 Mitglied im Magdeburger Opernensemble. Auch in der „Helena“ brilliert er mit gesanglicher Präsenz und ist schon längst kein Geheimtipp mehr für eine große sängerische Zukunft.

Machtlosigkeit gegenüber dem Olymp

Das große Verwirrspiel zwischen den griechischen Göttern sowie den sterblichen Königen und Adligen war für Offenbach die ideale Plattform, Oberflächlichkeit, Unvermögen und nicht zuletzt die Machtlosigkeit gegenüber dem Olymp anzuprangern. Man muss kein Kenner der griechischen Mythologie sein, um sich in diesem humorvollen Stück mit schrillen Kostümen, unvorhersehbaren Einfällen und natürlich einer überaus eingängigen Musik köstlich zu amüsieren.

Glimmer und Glitzer auch bei den Kostümen

Regisseur Ulrich Schulz zieht alle ihm zur Verfügung stehenden Register, überdreht aber auch hier und da mal. Das gilt auch für die Kostüme von Lena Brexendorff, die vor Glimmer und Glitzer nur so sprühen. Warum Johannes Stermann als Kalchas bestes Küstenplatt als Dialekt spricht, während der von Helena betrogene Ehemann Melenaos (Manfred Wulfert) im besten niederrheinischen Dialekt seine Dialoge verkündet, erschließt sich erst, wenn man in die Biografien der beiden schaut. Wulfert stammt aus Gelsenkirchen und Stermann aus Hamburg.

So eine Operette, die mit Sicherheit ein volles Haus garantiert, kann ohne den schon legendären Opernchor des Theaters Magdeburg nicht über die Bühne gehen. Es ist wohl das Geheimnis von Chorleiter Martin Wagner, die Damen und Herren nicht nur stimmlich bestens einzustellen, sondern sie so zu motivieren, dass sie ihre schauspielerischen, ja sogar tänzerischen Fähigkeiten aufs Äußerste ausreizen.

 Offenbar kann sich dem auch die Magdeburgische Philharmonie, zumindest in diesem Stück, nicht entziehen. Pawel Poplawski dirigierte statt im Orchestergraben mitten auf der Bühne vor seinen Musikern, die im zweiten Teil dann als Teil des Geschehens so gekleidet waren, wie es sich für eine zünftige Pool-Party gehörtDem stand der Orchesterchef selbst nicht nach, sondern schwang den Taktstock in Unterhosen mit Sockenhaltern.

Kein Wunder also, dass man sich in dieser Operette köstlich amüsierte und eine Dame nach dem letzten Vorhang verkündete: „Schade, dass es schon zu Ende ist.“ Ein besseres Kompliment ist kaum möglich.