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Premiere "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt / Schauspieler Faubel mit gebrochenem Fuß Ein Irrenhaus in Würfelform

Von Hans Walter 18.03.2013, 01:22

Das Schauspielensemble des Nordharzer Stadtebundtheaters erlebt derzeit einen Höhenflug. Jüngstes Beispiel? Die Premiere "Die Physiker" von Friedrich Dürrenmatt am Freitag in Quedlinburg.

Quedlinburg l Ist kluges Ensemblespiel mit einer Minicrew von sieben Schauspielern überhaupt möglich? Es ist! Wenn sich um diese engagierte Spielerschar und einen intelligenten "theoretischen Kopf", den Dramaturgen Sebastian Fust, eine ebenso kluge wie innovative Riege von Regisseuren schart, im besten Fall mindestens gleichrangig durch Bühnenbildner, Videokünstler und Komponisten der Bühnenmusik unterstützt. Insgesamt alles junge Leute, die mit ihrer Arbeit noch etwas bewirken wollen. Ihnen bedeutet Theater mehr als nur ein Beruhigungszäpfchen für Bildungsbürger. Dies vorab.

Für "Die Physiker" gibt es eine ergebnisoffene Versuchsanordnung. Ein drehbarer bühnengroßer Würfel ist Zelle, Gefängnis, Klause des Irrenhauses. Ein Würfel, der schnelle Dialoge ermöglicht und fantastisch variabel ist - mit Klappen, Ausgucken, Verstecken, Sitzmöglichkeiten, stets gleißend hell beleuchet. Die Ausstatterin Fatima Sonntag baute ihn wie für ein Kinderspiel. Alles kann, nichts muss in diesem Versuch mitspielen. Aber alles ist möglich und denkbar, verbunden durch eine motorisch zwingende Bühnenmusik in sparsamster Instrumentierung.

In ihrer Inszenierung lässt Carina Riedl die Regieanweisungen real werden. Spielerisch leicht erfolgt die Vorstellung der Akteure: Der schwarz gekleideten Wärter, des grauen Personals der Nervenklinik des Fräuleins Dr. Mathilde von Zahnd (Illi Oehlmann). Sie ist ein charmantes Monster im Hosenanzug mit Stahlaccessoires - Gürtel und Ohrring, gekrönt von einer Frisur wie ein Atompilz.

Zwei martialische Krankenschwestern: Marta Boll (Julia Siebenschuh) und ihre naiv-miezenhafte Kollegin Monika Stettler (Teresa Zschernig). Folgen ihre Patienten - in Farbigkeit gekleidet, in den Hemdfarben und Temperamenten unterschieden: die Physiker Newton (Till Petri), Einstein (Gregor Faubel) und Möbius (Gerold Ströher). Kommissar Voß (Arnold Hofheinz) wird in drei Mordfällen an Krankenschwestern in der Nervenklinik ermitteln.

Das Spiel beginnt. Die Pointen sind wie hingetupft. Einstein streckt die Zunge heraus. Seine Geige ist eine Gitarre. Mit einem Löffel spielt er sehnsuchtsvolle Glissandi.

Oder Newton. Farben- und blumenliebend, apfelessend - er experimentierte ja bei den Fallgesetzen damit. Möbius, der das Gedächtnis verloren haben will. Alle drei ermorden ihre Krankenschwestern, weil die ihrem Geheimnis zu nahe kommen. Sie sind Physiker und Agenten großer multinationaler Konzerne, die sich gegenseitig belauern. Die Erfindung der Atombombe wie der Raketentechnik oder des Computers geht auf sie zurück. Und nun sitzen sie im Irrenhaus.

Das dürre Programmheft zitiert Dürrenmatts 21 Punkte zu den "Physikern": "Der Inhalt der Physik geht die Physiker an, die Auswirkung alle Menschen. Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst-mögliche Wendung genommen hat ..."

Lustvoll spielen die sieben Schauspieler die schwarze Komödie aus. Das Stück braucht mehr Personal, über das aber das Ensemble nicht verfügt. So spielt und tanzt Teresa Zschernig mit trockenstem Witz gleich zwei Leichen; Siebenschuh und Hofheinz verwandeln sich mit ein, zwei Kostümteilen in das bigotte Missionars-Ehepaar Rose. Für Faubel war die Premiere doppelt schwer: Er hat sich den Fuß gebrochen, absolvierte seinen Einstein aber dennoch mit größter Artistik.

Regisseurin Carina Riedl, Szenografin Fatima Sonntag, Komponist Arthur Fussy und Dramaturg Sebastian Fust sind um die 30 Jahre alt. "Die Physiker" waren mit dem Ende der Ost-West-Konfrontation und des Atomzeitalters als bitterböse Komödie nur scheintot. Aber sie hält für die scheinbar "freie Gesellschaft" viele Erkenntnisse parat. Das Ensemble hat sie mit Witz, Tempo und Leichtigkeit ausgegraben. Sieben Minuten begeisterter Applaus.