Eugen Ruge über seinen Bestseller und sein Schauspiel am Theater der Altmark Stendal Eine Geschichte von Aufstieg und Fall
Das Theater der Altmark startet am 21. September mit der Inszenierung von Eugen Ruges mehrfach preisgekröntem Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" in die neue Spielzeit. Grit Warnat hat mit dem Schriftsteller über die Bühnenversion, das Buch und den Erfolg gesprochen.
Volksstimme: Herr Ruge, Sie schreiben seit vielen Jahren Theaterstücke. Diesmal gehen Sie einen anderen Weg. Sie nehmen ihr eigenes Buch und dramatisieren es für das Theater.
Eugen Ruge: Eigentlich begann auch hier alles mit einem Theaterstück von mir. Es heißt "Babelsberger Elegie" und wurde Ende 1997 am Theater Magdeburg uraufgeführt. In diesem Stück habe ich zum ersten Mal versucht, den Stoff zu behandeln. Aber dann habe ich gemerkt, dass ein Theaterstück einen zu engen Rahmen bildet für den großen Stoff und mich zu einem Roman entschlossen. Deshalb ist es eigentlich etwas verrückt, dass nun vom Theater die Bitte kam, das, was ich für unmöglich gehalten habe, wiederum für die Bühne zu bearbeiten.
Volksstimme: Ihr Buch umfasst 50 Jahre Geschichte und hat Schauplätze zwischen Deutschland, Mexiko und dem Ural. Uwe Tellkamps "Turm" wurde auch für unspielbar im Theater gehalten - und an mehreren Häusern erfolgreich aufgeführt.
Ruge: "Der Turm" umfasst zehn Jahre DDR-Geschichte, ist von der zeitlichen und geografischen Spannweite nicht zu vergleichen, es gibt nicht den ständigen Ortswechsel und das Vor- und Zurückspringen in der Chronologie. Ich denke, die Schwierigkeiten sind in meinem Fall noch größer.
"Ich habe den 430 Seiten umfassenden Roman auf 78 Seiten gekürzt."
Volksstimme: Sie mussten vor allem weglassen. Wie schwer fällt es, sich von Geschriebenem zu verabschieden?
Ruge: Ich habe den 430 Seiten umfassenden Roman auf 78 Seiten gekürzt und manches für das Theater umschreiben müssen. Das ist natürlich ein großer Verlust. Die Besucher, die das Stück sehen, lernen nicht den Roman und seine Komplexität kennen. Aber Theater ist auch ein Gewinn. Im Theater werden die Figuren verkörpert. Auch ich habe am Deutschen Theater die Figuren anders erlebt, als ich sie in meinem Buch dargestellt habe.
Volksstimme: Am Deutschen Theater wurde "In Zeiten des abnehmenden Lichts" im Februar 2013 uraufgeführt. Jetzt folgt Stendal. Gibt es Unterschiede in der Interpretation?
Ruge: Ich habe eine chronologische Version geschrieben, zum einen, weil ich die Zeit- und Raumsprünge im Theater für schwer nachvollziehbar hielt, aber auch, weil ich eine Geschichte von Aufstieg und Fall erzählen wollte. Die Berliner haben die Zeitebenen meiner Fassung wieder stark vermischt, so dass von vornherein eine Endzeitstimmung entsteht: Zeitlosigkeit, Stagnation. Diese Interpretation ist legitim und auf ihre Weise durchaus gelungen. In Stendal will man sich offenbar stärker an meine Version halten.
Volksstimme: Begleiten Sie die Inszenierung in Stendal?
Ruge: Nein. Als Theaterautor habe ich gelernt, mich nicht in Inszenierungen einzumischen. Bei einer meiner Uraufführungen in Bonn bin ich vom Regisseur zu einer Probe eingeladen worden und nach meiner Interpretation befragt worden. Im Ergebnis haben sich Hauptdarsteller und Regisseur derart zerstritten, dass der Intendant beide umbesetzt hat - 14 Tage vor der Premiere. Das will ich nicht noch einmal erleben.
Volksstimme: Zurück zum Buch. Sie haben darin eine Familiengeschichte erzählt, die der Geschichte Ihrer Familie sehr nahekommt. Sie begannen erst mit dem Schreiben, als viele der Beteiligten tot waren. Warum war das so wichtig?
Ruge: Weil es viel schwerer ist, aus großer Nähe zu schreiben. Es ist keineswegs so, dass man nur über Tote schreiben kann, aber es ist leichter von Menschen zu erzählen, zu denen man Abstand gewonnen hat. Man muss sich lösen, auch um erfinden zu können.
Volksstimme: Hätte Ihr Vater das Buch gelesen?
Ruge: Ja, natürlich. Ich glaube auch, dass er es als Gesamtwerk akzeptiert hätte. Er wäre wohl mit der Darstellung der Figur, die seiner Person entspricht, nicht glücklich gewesen, weil ich ihn mit der Krankheit, die er so ähnlich durchlitten hat, recht schonungslos dargestellt habe. Er sprach nicht gern über Krankheit. Krankheit war für ihn so etwas wie Schwäche.
"Es ist das Bekenntnis zu meiner Geschichte, meiner Biografie."
Volksstimme: Sie wurden bereits für das Manuskript mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet. Sie gewannen 2011 den Deutschen Buchpreis. Im Februar kam Ihr Buch auf die Bühne. Waren Sie überrascht von diesem Erfolg?
Ruge: Anfangs habe ich gezweifelt, ob sich noch jemand für die DDR-Geschichte interessieren würde. Es gab ja schon so einiges auf dem Markt. Der Alfred-Döblin-Preis hat mir gezeigt, dass meine Art zu erzählen eine Chance hat. Ich habe gespürt, dass mein Verlag große Hoffnungen mit dem Buch verbindet. Dann stand ich irgendwann auf der Longlist - und dann war die Überraschung, ehrlich gesagt, nicht mehr so groß.
Volksstimme: "In Zeiten des abnehmenden Lichts" wurde oft als ostdeutsche Buddenbrooks bezeichnet. Ist die Rezeption des Werkes im Osten eine andere als im Westen?
Ruge: Es ist das Bekenntnis zu meiner Geschichte, meiner Biografie, meiner Identität. Das beschäftigt auch viele andere Ostdeutsche. Sie finden sich wieder in diesem Buch, auch wenn ihre Biografien ganz anders verlaufen sind. Aber sie fühlen sich, ihr Leben ernstgenommen von diesem Text, der weder verurteilt noch verteidigt. Westdeutsche, aber auch Franzosen oder Amerikaner haben inzwischen oft genug darüber gehört, wie schrecklich die DDR war, sie suchen keine politischen Urteile mehr. Viele wollen jetzt einfach mal wissen, wie es sich tatsächlich anfühlte, auf der anderen Seite der Mauer zu leben. Und das erzähle ich.
Volksstimme: Werden Sie die Premiere in Stendal miterleben?
Ruge: Ich muss mir die Inszenierung etwas später anschauen, weil ich bald zu einer mehrwöchigen Lese-Reise nach Amerika aufbreche, wo das Buch gerade erschienen ist.