Carina Riedl inszeniert am Nordharzer Städtebundtheater Dürrenmatts Stück "Die Physiker" "Für mich ist das eine neue Begegnung"
Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges schrieb der Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt 1961 "Die Physiker". Jetzt inszeniert Carola Riedl das Stück am Nordharzer Städtebundtheater. Grit Warnat hat mit der Österreicherin vor der Premiere gesprochen.
Volksstimme: Friedrich Dürrenmatts Stück "Die Physiker" gehört laut Statistik zu den vielgezeigten Stücken auf deutschen Theaterbühnen. Dabei findet man es eher selten auf den Spielplänen.
Carola Riedl: Ich war in der Vorrecherche selbst verblüfft, dass "Die Physiker" in den vergangenen 20 Jahren zusehends weniger gespielt wurden. Es boomte sehr nach der Uraufführung 1962, jüngst kam es in Frankfurt und Offenbach auf die Bühne.
Volksstimme: Im Oktober 2011 hatte es auch am Theater der Altmark Stendal seine Premiere. Warum sollte man Ihre Inszenierung besuchen?
Riedl: Wir versuchen, die Physiker in der Gegenwart zu verorten, und greifen die Fragen auf, die der Text stellt. Es geht um die Verantwortung der Wissenschaft und des Einzelnen, es geht um die Frage der Selbstbestimmtheit des Menschen in der Gegenwart. Das sind Dinge, die wirklich jeden betreffen. Dafür wählen wir einen sehr verspielten Zugang, einen Zugang, der versucht, anzudocken an die Lust am Maskenspiel, am Versteckspiel mit der Maske.
Volksstimme: Dürrenmatt setzte auf die groteske Überspitzung. Ist das Stück für Sie eine Groteske?
Riedl: Dieser Text ist Kriminalgeschichte wie auch Komödie, Groteske und Tragödie am Ende. Der Text entwickelt mit seinen Personen erstaunliche Tiefen. Wir schauen sehr genau, wo es über die Komödie hinausgeht. Dieser Text hat viele Komödienmechanismen. Die muss man auch bedienen.
Volksstimme: Unsere Welt habe ebenso zur Groteske geführt wie zur Atombombe, sagte der Autor. Das war die Zeit des Kalten Krieges. Ist unsere Welt heute grotesk?
Riedl: Ich glaube, diesen Satz kann man so stehenlassen. Die Frage dreht sich für uns heute darum, was man mit diesem Text machen kann in unserer viel multipolarer funktionierenden, nicht minder grotesken Welt.
Volksstimme: Es ging aber damals um die Gegner USA und UdSSR.
Riedl: Das ist richtig. Bei Dürrenmatt sind zwei der Physiker, die in der Irrenanstalt einsitzen, Agenten der unterschiedlichen Systeme. Wir machen aus ihnen Angestellte von Konzernen. Bei Dürrenmatt ging es um die Kernspaltung und die Menschheit, die am Abgrund steht. Wir haben uns die Frage gestellt, wer heute Wissen ausnutzt. Es gibt schließlich einen Unterschied zwischen der Entdeckung einer Naturgesetzlichkeit, die der Physiker in einer Formel ausdrückt, und einer ganz bewussten Erfindung, um einen technischen Nutzen daraus zu ziehen. Wir fragen, welche Instanzen sind das heute und wer trägt die Verantwortung in unserer regulierten Welt?
Volksstimme: Es geht Dürrenmatt um die Ethik in der Wissenschaft. Wie aktuell ist das Thema für Sie?
Riedl: Ich habe gerade einen Zeitungsartikel gelesen, in dem es darum ging, ob man Tiere züchten sollte, die keine Gehirne und kein Schmerzempfinden mehr haben, weil dann Massentierhaltung ermöglicht werden könnte, ohne Tiere zu quälen. Man könnte viel mehr aufzählen.
Volksstimme: Können Sie Antworten geben?
Riedl: Ich denke, das ist mit diesem Text nicht möglich. Außer in einem Punkt. Bei den Physikern trifft ein Wissenschaftler die Entscheidung, das von ihm entdeckte und für die Menschheit gefährliche Wissen vor der Welt zu verstecken. Er entscheidet sich für die Irrenanstalt. Dürrenmatt führt ihn aber zum Ende an einen Punkt, wo er diese Tarnung nicht mehr aufrechterhalten kann. Er scheitert also. Damit zeigt Dürrenmatt, dass dem einzelnen Wissenschaftler die Hände gebunden sind. Wir müssen als Gesellschaft entscheiden.
Volksstimme: Inszenieren Sie Friedrich Dürrenmatt zum ersten Mal?
Riedl: Ja, für mich ist das eine neue Begegnung. Es sind tolle Texte mit durchaus sperrigen Momenten. Aber all das reizt mich jeden Tag mehr.
Premiere: 15. März, 19.30 Uhr, Quedlinburg, weitere Vorstellungen: 23. März in Quedlinburg, 12. April in Halberstadt.