Anhaltisches Theater Dessau zeigt Ödön von Horváths "Kasimir und Karoline" im Beatclub Hohe Authentizität an besonderem Ort
Hohe Authentizität prägt das Theaterstück "Kasimir und Karoline" von Ödön von Horváth, das mit dem Schauspielensemble des Anhaltischen Theaters Dessau am Sonnabendabend im Beatclub Dessau Premiere hatte.
Dessau-Roßlau l Ein Zeppelin erfährt heute mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie ein hochmodernes Flugzeug, vielleicht noch mehr. So auch bei den Protagonisten zu Beginn der Dessauer Premiere. Er könnte ein symbolischer Bogen sein, mit dem Regisseur Niklas Ritter das Horváth-Stück aus dessen Entstehungszeit Ende der Weltwirtschaftskrise 1929 ins Heute holt. Der Aktualität und der Brisanz wegen.
Was kann die Liebe gegen die Krise ausrichten?
Kasimir und Karoline sind verlobt. Doch als Kasimir seine Arbeit verliert, kommt die Liebe mächtig ins Wanken. Karoline sucht schließlich das Amüsement, während ihm gar nicht danach ist. Es entwickelt sich eine private Krise, die ihren Ursprung in der allgemeinen Krise hat. Was kann die Liebe dagegen ausrichten?
Die Versöhnung scheint nahe, kommt jedoch nicht zustande. Sie möchte Party, sich austoben. Eben noch umschmeichelt sie "ihren" Kasimir scheinbar liebevoll, doch unmittelbar danach erzählt sie ihm mit Stolz von ihrer neuen Bekanntschaft. Erst ein Eis, dann Achterbahn fahren - zusammen mit dem Zuschneider Eugen Schürzinger (Julian Mehne).
Sie belügt Kasimir. Er ist wütend, enttäuscht und verbittert, gibt auf, um sie zu kämpfen. Schließt sich dem Merkl Franz (Thomas Köhler) und dessen Frau Erna (Eva Marianne Berger) an. Bei diesem Paar, dessen Verhalten und Beziehung, durch die Umwelt beeinflusst, von Gewalt und Mißachtung geprägt ist, findet Kasimir jedoch auch keinen richtigen Trost. Er bleibt einsam und verzweifelt.
Jan Kersjes lebt diesen von großen emotionalen Sprüngen geplagten jungen Kasimir facettenreich wirkungsvoll bis zur kleinsten Geste, zum zaghaften Blick aus. Seine gefühlsschwangeren wie auch mit feinem Humor geprägten Szenen, sein flüssig eingebrachtes musisches Agieren begeistern.
Karoline, die glaubt, um etwas erreichen zu können, "einen einflussreichen Mann bei seinem Gefühlsleben packen zu müssen", gibt sich dieser Illusion hin. Erst wendet sie sich Schürzinger zu. Als dieser aus Unterwürfigkeit und Aufstiegstreben sie skrupellos an seinen Chef Rauch (Stephan Korves) "abtritt", folgt sie dem Ruf des noch größeren Reichtums.
Konglomerat von Naivität und Liebenswürdigkeit
Die von Jenny Langner trefflich dargestellte Karoline ist ein Konglomerat von zunächst durchaus glaubwürdiger, später nur noch scheinbarer Liebenswürdigkeit und Naivität, die viel mehr will, als ihr letztendlich gelingt. Aber sie bleibt sich treu. Als das Rauch-Abenteuer durch Kasimirs und Merkls Brutalität "abgesagt" ist, wendet sie sich wieder dem inzwischen aufgestiegenen Schürzinger zu.
Niklas Ritter inszeniert dieses Stück mit Tempo, gibt den einzelnen Protagonisten teils gewollt überzeichnete Charaktere, lässt die Protagonisten faszinierende bis an die Erschöpfung reichende Partytanzeinlagen auf das Parkett "legen". Im Kontrast dazu fordern effektvoll eingelegte, teils beklemmende Pausen, Stille und Ruhe den Betrachter geradezu heraus, nachzudenken und weiter zu denken.
Für das Bühnenbild hat Karoline Bierner "das, was im Beatclub von Haus aus da ist" stimmig in die Handlung einbezogen.
Niklas Ritter und sein Ensemble haben nicht einfach das Theater an einen anderen Ort verlegt, sondern in und mit diesem Ort - für den Beatclub auch eine Premiere - Theater gemacht. Theater, bei dem das Publikum hautnah dabei ist und das den Premierengästen im ausverkauften Club sehr gut gefallen hat. Die Party ging und geht auch künftig nach der Vorstellung mit Livemusik weiter.
Die nächsten Aufführungen am Mittwoch und Donnerstag, 25. und 26. April, beginnen jeweils um 21 Uhr.