Magdeburg l Ein Jahr lang hat Dessau den 100. Gründungsgeburtstag des Bauhauses gefeiert. Höhepunkt war die Eröffnung des Bauhaus-Museums Anfang September. Was brachte das Jubiläumsjahr und wie kann der Schwung mit in die Zukunft genommen werden? Ein Gespräch darüber mit Stiftungsdirektorin Claudia Perren.

Frau Dr. Perren, jahrelang wurde auf das Jubiläum hingearbeitet. Jetzt ist es fast vorbei. Drehen Sie ab Januar Däumchen?
Claudia Perren: (lacht) Dafür haben wir keine Zeit. Wir haben im Jubiläumsjahr sehr viele Dinge angeschoben, die uns ab 2020 weiterbeschäftigen. Allein im Museum haben wir im Erdgeschoss die Offene Bühne, die bespielt werden will. Die Sammlungspräsentation ist in drei Bereichen als wechselnde Ausstellung konzipiert und wird mehrmals im Jahr wechseln. Wir wollen immer wieder andere Themen und Perspektieven setzen, und hoffen, dass die Gäste so immer wieder neuen Anreiz haben, ins Haus zu kommen.

Im Moment brauchen Sie keinen neuen Anreiz. Das Museum wurde seit der Eröffnung überrannt.
Das ist richtig. Wir haben in nicht einmal drei Monaten 73 .000 Besucher. Das ist sehr viel.

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Die Führungen im Museum ...
... sind bis 2021 ausgebucht.

Das kann Sie erfreuen, aber ist das nicht auch eine Last?
Als Last möchte ich es nicht bezeichnen, wir freuen uns über das große Interesse. Aber es ist für uns schon eine neue Herausforderung vor allem mit Blick auf die Koordination. Wir müssen nicht nur größere Besucherströme lenken, sondern auch die Anzahl der Reinigungen und Führungen erhöhen. Auch mussten wir neues Personal hinzuholen, zum Beipsiel beim Wachschutz.

Wie viele Besucher verkraftet das Museum rein konservatorisch?
150 pro Stunde. Gründe für die Begrenzung sind die klimatischen Bedingungen und auch die Sicherheit. Und natürlich wollen wir den Besuchern bei der Besichtigung der Sammlungspräsentation ausreichend Raum geben.

Wissen Sie, woher die Besucher kommen?
Es ist eine Mischung aus regionalem und internationalem Publikum. Eine erste Befragung zeigte, dass viele Gäste aus Frankreich, Italien, Holland, Amerika und aus dem asiatischen Raum kommen. Sehr stark vertreten hier sind Japan, Korea, China. Eine Auswertung werden wir Anfang des Jahres vorliegen haben. Froh macht uns, dass die Dessauer sich auch sehr dafür interessieren, was wir tun.

Es gab ja viele Diskussionen um den Standort im Dessauer Stadtpark. Befürchtet wurde auch eine Konkurrenz zu den Meisterhäusern. Gibt es die?
Ich habe den Standort nie als Konkurrenz gesehen. Leute, die nach Dessau kommen, um das Schulgebäude zu sehen, schauen sich auch oft die Meisterhäuser an oder gehen noch ins Kornhaus an die Elbe. In Dessau musste man schon immer unterwegs sein, um die über die Stadt verstreuten Bauhaus-Bauten zu erkunden. Unser Museum sitzt mittendrin. Man ist auf dem halben Weg nach Törten, und in unmittelbarer Nachbarschaft zum historischen Arbeitsamt von Gropius, das nun viel mehr Besucher hat. Und jetzt, nach der Eröffnung des Museums, höre ich immer häufiger: Das ist genau der richtige Standort.

Sie hatten im Jubiläumsjahr mit mehr Besuchern gerechnet als in den Vorjahren. Wo liegt die Zahl?
Bei 265. 000. Das ist eine Hausnummer. In den Jahren zuvor hatten wir in allen Bauhaus-Bauten immer um die 100 .000 Besucher.

Wie wollen Sie diesen Schwung mitnehmen?
Das Bauhaus war ja immer sehr fachspezifisch ausgerichtet. Durch das Jubiläum erreichen wir mittlerweile einen viel breiteren Besucherkreis. Geholfen haben Publikationen, Fernsehserien und die vielen Ausstellungen. Wir hatten im Bauhausverbund mehr als 2000 Veranstaltungen an 800 Orten. Da ging es um viele verschiedene Themen, die uns auch in unserem Leben beschäftigen. Der Blick ins Heute und auch die Vielstimmigkeit ist sehr wichtig. Im Bauhaus-Agenten-Programm zum Beispiel haben wir in Dessau-Roßlau mit 14 Schulen zusammengearbeitet. Schüler haben Filme über ihre Stadt gemacht, Möbel für den Schulhof gebaut und dadurch eine vielleicht erste Berührung mit dem Bauhaus gehabt. Im Museum werden wir die Ergebnisse zeigen. Schüler werden dadurch Teil des Museums. Wir können nicht alle Programme in dieser Intensität fortführen. Das Agenten-Programm mit vier Mitarbeiterinnen endet Mitte 2020, aber wir wollen auf diese Zusammenarbeit aufbauen.

Das Schulgebäude von Gropius gehört zu den Höhepunkten eines Bauhaus-Besuchs. Es ist Stiftungssitz. Sie hatten es in diesem Jahr stärker geöffnet. Bleibt das so?
Wir bespielen die Schule wieder mit mehr Schule, das heißt, unsere Akademieprogramme bekommen mehr Raum. Wir haben einen Master-Studiengang zusammen mit der Hochschule Anhalt und der Humboldt-Universität Berlin. Wir haben das Open-Studio-Programm, mit dem Hochschulen aus aller Welt zu uns ans Bauhaus kommen, um an eigenen Projekten zu arbeiten. Und wir haben das dreimonatige Programm Bauhaus-Lab, für das neue Forschungsergebnisse in kuratorische Projekte verwandelt und dem Publikum präsentiert werden.

Sie sind im August 2014 Stiftungsdirektorin geworden. Wie geht es für Sie weiter?
Ich bin in meiner zweiten Amtszeit, die weitere fünf Jahre läuft.

Wie kann man sich nach solch einem Jubiläumsjahr aufs Neue motivieren?
2019 war definitiv für das ganze Team ein Ausnahmejahr. Nun gibt es neue Aufgaben. Wichtig ist uns zum Beispiel, die Offene Bühne im Museum intensiv zu beleben. Das Museum ist als Ort für Begegnungen, Tanz, Performance und Diskurse gedacht. Unser Programm 2020 wird bald stehen.

Wo können sich Besucherzahlen künftig einpegeln?
Das ist schwer zu sagen. Wir bieten Programmpunkte in mehreren Bauhaus-Bauten und dem neuen Museum. Wenn wir bei 150. 000 Gästen liegen, wäre das eine gute Größenordnung.