Magdeburg (dpa) | Ein Jäger (Ronald Zehrfeld) stellt einem Wolf nach und findet in einem Wald ein Auto. Darin ist Blut, sehr viel Blut. Das Fahrzeug gehört dem verschwundenen Jurij Rehberg, der in einem nahe gelegenen Dorf wohnt. Es ist sein Blut, aber wo ist die Leiche? "Das war jetzt aber nicht der Wolf", kommentiert Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) das trocken. Sie und Kollege Dirk Köhler (Matthias Matschke) nehmen die Bewohner des Dorfes ins Visier, in dem der polizeibekannte, untreue Taugenichts zu Hause ist – inklusive hochschwangerer Verlobten (Katharina Heyer) und ihrem despotischen Vater (Hans Uwe Bauer), der Rehberg hasst. Ein zähes Unterfangen. "Alle reden viel, und keiner sagt was", so Brasch.

Mit der "Polizeiruf 110"-Folge "Mörderische Dorfgemeinschaft" endet an diesem Sonntag (20.15 Uhr) die Sommerpause der Sonntagabendkrimis im Ersten. Für Köhler und Brasch geht es raus aus Magdeburg, sie ermitteln zum ersten Mal auf dem Land. Regie führte der gebürtige Braunschweiger Philipp Leinemann, der bereits mit "Wir waren Könige" (2014) und "Willkommen bei den Honeckers" (2017) von sich Reden machte. Er bearbeitete auch das Drehbuch, das aus der Feder von Katrin Bühlig stammt. Hinter der Kamera war Jonas Schmager am Werk. 

Dorfporträt statt Krimi

Entstanden ist ein Krimi, der kaum Krimi und zu großen Teilen schrulliges Dorfporträt ist. Nahezu alle Klischees werden bedient. Selbst der in diesem Zusammenhang oft bemühte Satz "Hier möchte man nicht tot überm Zaun hängen" fällt. Köhler, der zum letzten Mal an der Seite von Brasch einen Mörder jagt, findet es "idyllisch." "Sie schauen nicht richtig hin", entgegnet Brasch, während ihre Blicke über leere Straßen wandern, durch die kein Kinderlachen hallt.  

Dass Rehbergs Mörder aus dieser "Idylle" kommt, ist von Anfang an sowohl den Ermittlern als auch dem Zuschauer klar. Dafür spricht bereits der Titel. Wer hier jedoch was getan und gewusst hat, dafür braucht es 90 Minuten. Denn nicht nur Rehbergs schieß- und angelfreudiger Schwiegervater in spe, sondern auch ein Landwirt, ein Bäckerehepaar und ein Autowerkstattbesitzer verhalten sich höchst sonderbar. Alle kannten den Toten, der dem Krimifan durch sorgsam gesetzte, kurze Rückblenden vorgestellt wird. "Jurij bittet nicht, er fordert", beschreibt ihn eine seiner Liebschaften, die ihm aber auch Charme attestiert. Im Dorf Fuß zu fassen, gelingt ihm nicht. 

Eine Leiche will bis kurz vor Schluss nicht auftauchen, lediglich die Hand des Toten gelangt auf geheimen Wegen zur Polizei. "Keine Leiche, kein Mord. Kein Mord, kein Mörder", heißt es in einer Vernehmung. Zum Showdown treffen sich alle – wie soll es anders sein - in der Dorfkneipe. Mit der inzwischen gefundenen Tatwaffe konfrontiert, lüften sie nach und nach die schwere Dorfgemeinschaftsdecke, unter der sie alle stecken. Einer für alle, alle für einen.  

Dorf wirkt überzeichnet

"Mörderische Dorfgemeinschaft" ist ein bisschen zu sepiafarben und ein bisschen zu weichgezeichnet. Das Dorf und dessen Gemeinschaft werden kauzig, teils überzeichnet und ein bisschen aus der Zeit gefallen in Szene gesetzt. Brasch und Köhler wirken wie Aliens, die auf einem anderen Planeten gelandet sind, was übrigens auch für einen kurzzeitig auftauchenden, knallroten Sportwagen gilt. 

Von Matschke gibt es keinen Abschied. Ohne konstruierten Weggang nimmt er still seinen Hut, den er sich Ende 2015 als Nachfolger von Sylvester Groth aufgesetzt hat. Claudia Michelsen ermittelt laut Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) alleine weiter. Am 27. August sollen die Dreharbeiten für den neuen "Polizeiruf 110" in Magdeburg beginnen. Das erste Solo für die nicht mehr ganz so burschikose und unnahbare Hauptkommissarin Brasch, deren Privat- und Liebesleben Folge um Folge vertieft wird – was ihr Sympathiepunkte bringt.