Ein Festival und eine Absage

Vom 2. bis 6. September 2020 zeigt das Queerfilm-Festival (englisch queer, steht heute für Bewegung u.a. Schwuler, Lesben, Heterosexueller) wieder die besten queeren Filme des Jahres – diesmal in elf Städten: Berlin, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt, Köln, Leipzig, Magdeburg (Studiokino), München, Nürnberg, Stuttgart und Wien. Gezeigt werden Filme wie „Port Authority“ von Danielle Lessovitz, „Neubau“ von Johannes M. Schmit und „Bohnenstange“ von Kantemir Balagov. Zudem gibt es zahlreiche Online-Angebote. Alle Informationen im Internet unter www.queerfilmfestival.net

Die Filmkunsttage hingegen finden nicht in diesem Oktober statt. Der Filmkunst e.V. hat sich aufgrund der Corona-Krise entschieden, die 10. Ausgabe des Festivals vom 7. bis 17. Oktober 2021 durchzuführen.

Magdeburg l Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus, wenn Frank Salender über die Baustelle führt. Hinter dem Studiokino am Moritzplatz wurde erst Baufälliges abgerissen, dann neu aufgebaut. Ein weiterer Kinosaal entsteht, zudem Sanitärbereiche, Ausschank, ein Klavierzimmer. Noch ist alles eine große Baustelle, aber man kann schon bestens sehen, wohin die Reise gehen wird. Die Arbeiten sind gut fortgeschritten. Hier mausert sich das ambitionierte Programmkino zu einem großen Kulturort – der er einst war.

Ein neuer Stadtteil unter Napoleon

Wer das Eckhaus kennt, sich in den bequemen Sesseln des Studiokinos schon so manchen Film angeschaut hat, der weiß nicht unbedingt um die Historie des Hauses und des Viertels. Das entstand durch Napoleon neu, nachdem unter französischer Herrschaft Anfang des 19. Jahrhunderts vor den Festungstoren Teile der Alten Neustadt von den napoleonischen Besatzern abgerissen und dafür die Neue Neustadt aufgebaut wurde.

Im Herzen der schachbrettartig angelegten Straßen und Plätze ging es auch um neue, moderne gesellschaftliche Lebensaspekte: Nikolaikirche, Krankenhaus, ein Gesellschaftshaus mit großem Festsaal. An letzteres erinnert wenig. Das einstige Gesellschaftshaus ist heute Studiokino.

Bilder

Einst steppte im Ballsaal der Bär

Außen bröckelt der Putz, die einst großen Fenster mit den Rundbögen sind zugemauert. Dahinter werden seit dem Umbau 1925/26 zum „LichtSchaupielHaus“ Filme gezeigt. Es gab mehrere Wechsel, zuletzt 1997, als eine private Initiative das von der Schließung bedrohte Kino vom Riesen Ufa übernahm.

Dass hier einst der Bär steppte, man von Emporen auf die tanzende, schunkelnde Menge schauen konnte, ist nicht mehr zu erahnen. Nun soll der ursprüngliche Charakter wieder her, wenn auch nicht als Tanzhöhle, so doch als vielfältig nutzbarer Kulturort.

Frank Salender schließt eine Tür hinter den von DDR-Charme geprägten Toiletten auf. Man betritt eine Noch-Baustelle. Salender sieht man die Freude an. Vom Stress eines Bauherren keine Spur. Er spricht mit Architektin Sina Stiebler Weiteres ab. Stiebler ist spezialisiert auf denkmalgerechte Sanierung, sie plant und betreut. In der Neuen Neustadt war sie auch zuständig für die Sanierung der Nicolaikirche, die im Zuge des Aufbaus der Neuen Neustadt von Karl Friedrich Schinkel im klassizistischen Stil erbaut und 1824 geweiht wurde.

Jetzt nun das einstige Gesellschaftshaus. Stiebler zeigt Fotos, auf denen der Glanz längst vergangener Tage festgehalten ist.

Gänge und Räume, eine Zeichnung hilft, sich zurechtzufinden. In der Abendstraße 6 war 1820 eine Gasthalterei, eine Pension, errichtet worden. Fuhrwerke hielten davor. Das ganze Areal habe zusammengehört, sagt Salender und er erzählt von den historischen Verbindungsgängen und wie stark einsturzgefährdet Teilbereiche waren. Einer der Gänge führt zum Studioklub für kleines Kino, erhalten in seiner Morbidität und mit netter Kneipenatmosphäre. Hier gibt es seit 2017 Angebote rund um den Film.

Räume für Kleinkonzerte, Gespräche, Fore

Zu jener Zeit war schon längst die ambitionierte Idee zum weiteren Ausbau da. Zum Filmkunsthaus. Eine neue Treppe führt nach oben in einen großen Raum. 4,65 hoch. Ideal für einen zweiten Kinosaal, sagt der Cineast. Er nennt ihn Studiobühne. Gedacht für 45 Leute. Podeste soll es geben, keine feste Bestuhlung, um sich die Nutzung offenzuhalten. Kleinkonzerte, Gespräche, Foren. Salender schweben Formate vor wie zu den landesweit ausgetragenen Filmkunsttagen alljährlich im Herbst, wenn Regisseure und Schauspieler über das Medium Film und ihre Arbeit reden. Das Studiokino ist nie nur Abspielkino gewesen.

Nebenan gibt es noch ein Zimmer, ein Klavier kann sich Salender dort vorstellen. Musikabende. Möglichkeiten, die Räume zu beleben, gibt es viele, sagt er und öffnet ein Fenster, das den Blick freigibt hin zum Innenhof – den Studiogarten. Wo die Leinwand hinkommen wird, ist schon erkennbar.

Der Bau ist schon so weit fortgeschritten, dass man sich gut vorstellen kann, wie es hier zukünftig aussehen wird. „Die Hülle ist gestellt“, sagt Salender. Der erste Bauabschnitt – Kosten 444 000 Euro – sei nur mit der Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt und der Stadt Magdeburg möglich gewesen.

Für den zweiten Bauabschnitt soll Anfang September eine Crowdfunding-Aktion starten. Salender hofft auf das getreue Studiokino-Publikum und eine erfolgreiche Schwarmfinanzierung. Ziel seien 30  000 Euro, sagt er, um gemeinsam mit Städtebaumitteln des Bundes, Landes und der Kommune den nächsten Bauabschnitt zu realisieren. Später, so die Vorstellungen, wartet das Studiokino selbst, also der ehemalige Festsaal darauf, sich in neuer, alter Pracht zu zeigen.

Für alle Interessierten steht das gesamte Gebäude am Tag des Offenen Denkmals am 13. September zur Besichtigung ab 11 Uhr offen.