Magdeburg l Es ist schon eine eigenwillige Atmosphäre. Unmissverständlich wird klargemacht, dass Filmen und Fotografieren verboten sind. Pressefotografen sind nicht erwünscht. Während des Konzerts achten Wachleute darauf, dass die Verbote eingehalten werden.

Die Bühne wirkt wie ein Filmset: große Scheinwerfer, dunkelroter Vorhang mit Faltenwurf. Lichtshow? Fehlanzeige! Der Meister? Keine Begrüßung, keine Ansagen, keine Kommunikation mit dem Publikum. Auf der Bühne ist kaum Bewegung. Vor der Bühne sitzen die Zuschauer ruhig, ein paar nicken zu Beginn vorsichtig mit den Köpfen. Bob Dylan sitzt oder steht die meiste Zeit am Piano, zupft nicht einmal an diesem Abend an einer Gitarre. Es ist ein großartiger Abend. Weil er es kann. Bob Dylan ist eine lebende Legende und dürfte mit solchen unsterblichen, ewigen Songs wie „Blowin’ in the Wind“ oder „Masters of War“ ganz klar irgendwann in den Musik-Himmel kommen. Zugleich ist er ein Philosoph, der Wandlungen durchmacht. Immer wieder. Auch dafür hat er 2016 den Literatur-Nobelpreis erhalten.

Jedes seiner Konzerte ist ein Unikat. Bob Dylan huldigt dem Augenblick. Diesem einzigen Abend. Bob Dylan ist das Gegenteil von Paul McCartney, der anderen noch lebenden Songwriter-Legende, der alles werkgetreu aufführt. Dylans Kunst ist das Vergängliche. Alles ist bei ihm im musikalischen, poetischen Fluss. Das Konzert in Magdeburg gehört jetzt in diese Reihe unvergleichlicher Shows.

Weißes Sacko, Glitzerhemd

Da ist zunächst Dylans Stimme, die so unfassbar gut klingt, von Anfang bis zum Ende. Er kann damit krächzen, raspeln, hauchen, laut sein, rock ’n’ rollen. Optisch wirkt er mindestens genauso spektakulär, wie er klingt – nur andersherum. Weißes Sakko, Glitzerhemd, Hose mit Pailletten-Streifen und natürlich die unverkennbare Wuschelfrisur. Keine Spur mehr vom Rebellen-Image. Er ist gereift wie sein Publikum, das ihm für seine Mundharmonika-Einsätze immer wieder Zwischenapplaus spendet.

Fast unmerklich passiert es nach etwa 40 Minuten. Das Zucken an den Mundwinkeln – es könnte ein Lächeln gewesen sein. Der Meister hat gute Laune. Kurz vor dem Konzertende wird er sich noch dazu hinreißen lassen, ein paar Schritte zu tänzeln. Nach der Zugabe und zwei Stunden wird sich der 77-Jährige verbeugen, was er nicht immer macht. Wenn er nicht will, zeigt er nichts von sich selbst, gibt keine Interviews, nimmt seine Launen mit. Na und? Dylon darf das.

Zwischen der Verbeugung vor seinen Fans – viele grau, älteres Semester, von aufgestylt bis Flanell- und Jeansjacken-Träger – und dem unspektakulären Beginn liegen viele, viele Songs. Solche wie „Don’t Think Twice“ und „But you’d better take your diamond ring“. Nicht immer sind sie sofort zu erkennen, was vor allem daran liegt, dass Dylan damit spielt. Er verändert seine Lieder, wie er sie gerade fühlt. Die großartige Band steht hinter ihm, optisch und auch auf musikalischer Ebene. Manchmal geht Bob Dylan rüber zum Kontrabass. Manchmal verzieht er das Gesicht oder legt die Hand keck auf die Hüfte und – sagen wir mal, wippt ein bisschen mit.

Atmosphäre verändert sich

Man fragt sich, ob er diesen Abend mag, ob er weiß, dass er in Magdeburg ist. Und ob er mitbekommt, wie seine Musik sich in die Herzen derer spielt, die er nicht mit Worten, aber dafür mit Klängen und poetischen Texten unterhält. Wenn er es mitbekommt, wäre das schön für ihn. Denn ab der Mitte des Konzerts verändert sich die Atmosphäre. Viele rutschen auf den Stühlen, manche nicken heftiger im Takt, die meisten lächeln.

Bob Dylan spielt bei seiner Live-Tour nicht auf vielen Stationen, Magdeburg ist eine von insgesamt acht. Ob man den als Robert Allen Zimmermann in den USA geborenen Künstler so schnell wieder hier auf der Bühne sieht, ist fraglich. Aber es ist nicht nur diese vielleicht eine Möglichkeit und dieses Unikat-Gefühl, was den Abend mit Bob Dylan so schön macht. Seine Kunst ist vergänglich, weil er seine Songs auseinandernimmt und wieder zusammensetzt. Von manchen erkennt man nur den Refrain, bei anderen dauert es fast bis zum Schluss, bis sich ein Erkennen einschleicht. Dieses musikalische Entkernen und Ausreizen der Songs gehört zu Dylan.

Nach zwei Stunden singt er in der Zugabe „Blowin’ In the Wind“. Es klingt wie ein alter Bekannter, der sich verändert hat. Das Publikum läuft vor die Bühne, klatscht, schaut auf den Meister, der so ist, wie er eben ist, und dafür bewundert wird. Aus vielen Ecken blitzt es nun doch. Zu verlockend scheint es für einige Fans, den Augenblick festzuhalten. Es gibt nur einen Haken: Es wird nicht funktionieren. Dylan schafft Momente, die in kein Handy passen. Der beste Platz für sie ist der Speicher der guten Erinnerungen.