In seiner ersten Spielzeit am Anhaltischen Theater Dessau hat sich Ballettchef Tomasz Kajdanski mit zwei eher melancholisch-dramatischen Inszenierungen vorgestellt. Sein neues Ballett "Der Widerspenstigen Zähmung" nach William Shakespeare ist eine grotesk-komische und lebensfrohe Verwandlungs- und Verwirrposse, die bei der Premiere begeistert aufgenommen wurde.

Dessau-Roßlau. Dieser Ballettabend ist ein wahres Feuerwerk getanzter Stimmungen: Typen, Temperamente, Tempi, Tricks, totale Unterhaltung ...

Tomasz Kajdanski bringt mit seiner Choreografie den klassischen Tanz in faszinierender Klasse auf die Bühne. Spitze, Sprünge, Drehungen, viele Soli, Pas de Deux und Gruppe in ungemein geballter Konzentration – der Zuschauer schaut und genießt. Das Klassische wird in der Dessauer Aufführung ideenreich mit Komik verwoben, der Komödienstoff potenziert mit einfallsreichen Übertreibungen wie in Zeichentrickfilmen oder bei der Commedia dell’arte.

Die scheinbar spielerisch anzuschauenden, doch schwierig zu tanzenden Szenen meistert das gesamte Ensemble mit höchster Konzentration und toller Ausstrahlung. Oft gibt es Szenenapplaus. Auch für die sich gut einfügenden Breakdance-Einlagen.

Musikalisch setzt der Dessauer Ballettchef auf Dmitri Schostakowitsch. Weil der "so wunderbare, zugängliche, lebensfrohe und lustige Tanz- und Filmmusiken geschrieben hat". Kajdanski verwendet in der von ihm selbst geschnittenen Musik insgesamt 36 Sequenzen.

Und es passt vorzüglich, Schritte, Sprünge und Kombinationen kommen taktgenau – oder total unerwartet unstimmig. Komödie eben. Lacher im Publikum. Das Bühnenbild mit durch große Spiegel angedeuteten Räumen und einigen wenigen handlungsrelevanten Requisiten gibt viel Tanz- und Handlungsraum. Farbenfrohe, personencharakterisierende Kostüme, auch hier mit Überzeichnungen, vervollständigen die Komplexität (Bühne und Kostüme Dorin Gal).

Mit all dem gelingt es ungemein deutlich, die Geschichte flott zu erzählen. Hier ist nach zwei Stunden die Machtfrage geklärt. Die "widerspenstige" Katharina lässt aus einer großen Kiste ihren Ehemann Petruchio herauskrabbeln. In einem Kleidchen. Sie hat die Hosen an, hebt den Arm triumphierend: Geschafft!!!

Riesenbeifall bricht los, Bravorufe schallen durch das gutbesuchte Große Haus in Dessau. Auch die Männer klatschen. Es ist wohl fast so gekommen wie im realen Leben. Zumal: Wer wen letzendlich "zähmt", wer im stets aktuellen Geschlechterkampf "das Sagen hat", kann wohl nie abschließend entschieden werden.

Mit Laura Chosta Chaud und Juan Pablo Lastras-Sanchez sind die Hauptrollen mit zwei fantastischen Solisten besetzt.

Sie lässt den Zuschauer mit ihrem Tanz, mit Mimik, dem Spiel funkelnder Augen, oft nur angedeuteten Gesten ihre Bosheit und Kratzbürstigkeit eindruckvoll erleben, wie sie ebenso ihre inneren Wandlungsprozesse glaubhaft nachvollziehbar präsentiert. Er ist Macho, spricht gern und viel dem Alkohol zu (tolle Szenen!), lässt Katharina seine Macht deutlich spüren, quält sie hier und da ein wenig. Doch letztendlich erliegt, unterliegt er.

Liebe, Verwirrung, Verkleidung

Liebe, Verwirrung, Bestechung, Verkleidung in den anderen zu knüpfenden Beziehungen bieten nicht minder viel Spaß und beste Unterhaltung. Die liebevolle Bianca (Yuliya Gerbyna) kann erst heiraten, wenn ihre Schwester Katharina unter der Haube ist. Bianca hat drei Bewerber, die sich in köstlich anzuschauenden "Einlassungen" als Lehrer präsentieren. Zwei von ihnen (Gremio/Gordon Wannhoff und Hortensio/Joe Monaghan) verkuppeln sie und ihr Auserwählter (Lucentio/Jonathan Cadic) etwas hinterhältig mit den beiden ebenfalls auf Männer wartenden Kurtisanen (Anna-Maria Tasarz und Annelies Walter).

Der Dank des Publikums gebührt dem gesamten Ensemble. Ein Ballettabend, dessen Besuch sich lohnt.

Nächste Möglichkeit ist am Sonnabend, 6. November.