Musikalisch und szenisch war die Premiere der Oper "Hänsel und Gretel" am Sonntag im ausverkauften Großen Haus Halberstadt des Nordharzer Städtebundtheaters ein Sahnebaiser. Sieben Minuten lang rhythmischer Applaus!

Von Hans Walter

Halberstadt. Regisseur Christian Poewe und seine Ausstatterin Alrune Sera investierten viel – vor allem in sozial genaue Figurenzeichnung und ins zauberhafte Bühnenbild und die Kostüme (Dramaturgie: Susanne Range). Vom ersten Hörnerruf der Ouvertüre an rollt ein fantasievolles Panorama ab. Das Sandmännchen ist die ganze Oper lang der Spielmacher. Kerstin Pettersson ist fabelhaft in der Rolle. Sie dirigiert Kinder im Schattenspiel durch den Zauberwald, lässt die Mutter Holz sammeln und die Hütte der Eltern aus dem Schürboden hereinschweben. Ein Häuschen zum Aufklappen wie aus dem Ausschneidebogen. Ende der Ouvertüre – und der erste Szenenapplaus.

"Suse, liebe Suse" singen Hänsel und Gretel und "Brüderchen, komm tanz mit mir". Hänsel (Regina Pätzer) hat gar keine andere Wahl – Gretel (Nina Schubert) hat ihn im Wortsinn mit ihrem Strickzeug umgarnt. Tanz als Fortsetzung des Gesangs. Dass irgendwann der Sahnetopf im Spiel zu Bruch ging, bemerken die beiden fast gar nicht. Da kommt die Mutter (Gerlind Schröder) herein – sauer ob des Verlustes. Die Kinder werden in den Wald geschickt zum Beerensammeln. Angeheitert tritt der Vater (Juha Koskela) auf. "Hunger ist der beste Koch", verkündet er. Ein besitzergreifender Typ, groß und blond und scharf auf seine Frau – das einzige Vergnügen der Armen, das nichts kostet.

Doch wo sind die Kinder? Die Eltern machen sich auf die Suche nach ihnen, bedrückt von der Sorge, sie könnten der Knusperhexe am Ilsestein hoch über Ilsenburg in die Fänge geraten sein. Die Librettistin Adelheid Wette nutzte für ihre romantische Oper auch die Mythen der Harzer Sagenwelt, und ihr Bruder Engelbert Humperdinck komponierte dazu die ungemein farbige Musik.

Der Wald wird zum Ort des Geheimnisses, er wirkt und webt. Er ist düster und geheimnisvoll, poetisch und lieblich. Er hat Blumen. Beeren und stachelige Ecken. Aber die Wildrosenhecke, dargestellt von 24 spielfreudigen Kindern des Chores des Käthe-Kollwitz-Gymnasiums, öffnet sich für Hänsel und Gretel. Ermattet schlafen sie nach dem mit großer Intensität musizierten Duett "Abends, wenn ich schlafen geh" ein – und der Wald funkelt und strahlt. Ein zauberhaftes Lichtdesign, realisiert von Wolfgang Richter und Holger Hofmann.

Ensemble mit großer Leistung

Doch der Wald wandelt sich, wird zu baumgroßen Zuckerstangen. Wieder schwebt ein Häuschen herein – dick überzuckert, mit dem großen Backofen der Knusperhexe. Ein komödiantisches Paradestück für Tobias Amadeus Schöner in roten Stöckelschuhen, rotem Kleid und rosa Schal. Als die Hexe die langen Stricknadeln aus ihrer blonden Perücke nimmt, druseln die Haare auf – man meint, die Reinkarnation von Cindy aus Marzahn zu sehen! Das funktioniert gut, eine Kunstfigur in ein anderes Medium zu übertragen. Der Sänger Schöner tänzelt, charmiert und zaubert mit seinem Stricknadel-Zauberstab, dass es ein wahres Vergnügen ist.

Natürlich endet die Hexe im Backofen. Ihr Haus explodiert, und der lebendige Pfefferkuchenzaun verwandelt sich in die Kinder zurück, die die Hexe einst in ihre Gewalt gebracht hatte – "erlöst, befreit für alle Zeit". Es lebe das Theater mit seinen Wundern! Märchenhaft überhöht das Finale, bei dem die Eltern nun ganz in unschuldigem Weiß daherkommen. Aber Hänsel und Gretel umarmen nur den Vater. Die Mutter steht ungeliebt daneben. Ein nachdenklicher Schluss.

Es war eine große Ensembleleistung des transparent aufspielenden Orchesters unter Martin Hannus, des von Jan Rozehnal und Ronny Strübing studierten Kinderchors, des musikantisch und darstellerisch hervorragenden Solistenensembles, der Maske, Requisite und der Ankleiderinnen sowie der Bühnentechnik und der Werkstätten.

Die nächsten Vorstellungen: in Halberstadt am 7. und 22. 12.; in Quedlinburg am 3., 15. und 26. 12., in Salzwedel am 9. 12., in Bernburg am 11. und 12. 12. und in Stendal am 19. Dezember.