Schön, wie mühelos die Balance zwischen Komik, Tragik und Tragikomik dem Liedprogramm "Wunder gibt es immer wieder" gelingt. Fünf Minuten Applaus und vereinzelte Bravorufe für die Premiere am Freitag in der ausverkauften Halberstädter Kammerbühne des Nordharzer Städtebundtheaters!

Von Hans Walter

Halberstadt. Scheinbar kleine Liedprogramme weiten sich in vielen Theatern zu großen Abenden. Der Zuschauer will mit neuen Einsichten lachen und weinen über den Zustand der Welt. Einer der Großen der Zunft, der Arrangeur, Komponist, Dirigent, Regisseur und Pianist Franz Wittenbrink, machte es mit "Sekretärinnen", "Vatertag", "Männer", "Zigarren" oder "Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus" mustergültig und über alle Maßen vergnüglich vor.

In Halberstadt versuchte der Dresdner Regisseur und Autor Jürgen Pöckel als Gast Ähnliches, wenngleich ihm mit "Wunder gibt es immer wieder" nicht die große Wittenbrinksche Fallhöhe gelang. Sei’s drum – es wurde ein Abend über Lust und Frust der Menschen am Theater. Nicht der Stars, sondern der "kleinen Leute", der Chorsänger und Schauspieler; ausgesetzt einem permanent tobenden, Angst verbreitenden Regisseur. Sie teilen eine Garderobe. Ein Mikrokosmos der Lebenswege und Trennungen, der Enttäuschungen, Niederlagen und großen Hoffnungen.

Hier ist das Feld für drei große Charaktere des Nordharzer Städtebundtheaters – die junge Schauspielerin Illi Oehlmann (Peggy) und die Sänger Klaus-Uwe Rein (Sebastian) und Norbert Zilz (Linus).

Einsame Menschen. Peggy ist die halbwüchsige Tochter abhanden gekommen und in die Niederlande entwischt. Die Mutter braucht nur den Ort Amsterdam zu nennen, um die Sorge wegen Coffee-Shops und weicher Drogen mitzuspielen. Sebastian lebt seit einem Jahr nach endlosen Trennungen von seiner Frau allein; endlich ist er trocken. Und der ehemalige Parteisekretär Linus, der Saubermann mit dem umgedrehten sprechenden Namen, wurde zum abgewrackten einsamen Zyniker, der nur noch mit Skeptizismus und Galle auf die Veränderungen reagieren kann.

Doch das versprochene Wunder geschieht: Peggy und Sebastian entdecken Liebe füreinander. Sehr behutsam, sehr still. Und Linus bekennt: "Theater, noch ist nicht alles verloren, noch kommen die Menschen zu dir. Und ich setz alles, alles auf dich, auch wenn ich alles verlier ..."

Es ist diese Balance der Gefühle zwischen Absturz und Hoffnung, die Oehlmann, Rein und Zilz mit Überzeugungskraft spielen und singen und dem Zuschauer sehr nahe bringen. Das kann nur funktionieren, wenn die Liedauswahl stimmt. Jürgen Pöckel war da sehr genau. Er wählte bekanntes und unbekannteres Musikmaterial aus 90 Jahren Schlagergeschichte aus und ließ es durch die wundervolle Repetitorin und Pianistin des Abends, Violetta Kollar, als Solo, Duett und Terzett arrangieren.

Die Balance zwischen Absturz und Hoffnung

"Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben" von Oscar Straus passt da zur Figurenzeichnung ebenso mit Frivolität hinein wie das sentimentale "Kauf dir einen bunten Luftballon" von Anton Profes oder "Wunderbar" aus dem Musical "Kiss me, Kate" von Cole Porter oder eben das titelgebende Chanson "Wunder gibt es immer wieder" von Christian Bruhn.

Illi Oehlmann, Klaus-Uwe Rein und Norbert Zilz ließen in ihren Interpretationen die großen Vorbilder wie Katja Ebstein, Aretha Franklin, Marika Rökk, Barbra Streisand, Daliah Lavi, Fritzi Massary oder Zarah Leander vergessen. Sie werden aus "kleinen Leuten" des Theaters zu Stars – wobei die klug gestaltende, singende Schauspielerin Illi Oehlmann wirklich zu "der Oehlmann" aufsteigt. Ihr und dem Publikum ist der eigene Chansonabend zu wünschen – nach den "Zwei netten kleinen Damen auf dem Weg nach Norden" und der Revuette nur folgerichtig.

Komödiantisch heiter servieren alle drei die Szene des despotisch-hohltönenden Regisseurs "Darf ich Ihnen ein Glas Champagner servieren?". Einer der kabarettistischen Höhepunkte nach der Pause!

"Wunder gibt es immer wieder" wurde zur überzeugenden fünften Revuette (Ausstattung Lena Brexendorff als Gast, Dramaturgie Susanne Range) mit Cornelia Schatter in einer stummen Rolle (Garderobiere Gisela) als stets dienstbarer guter Geist des Hauses. Und lässt man sie spielen, wird das Lachen und Lächeln im Theater niemals vergeh’n ...