Für das Ruhrgebiet war 2010 ein Jahr der kulturellen Superlative. Erstmals präsentierte sich eine ganze Region als europäische Kulturmetropole. Unter der Marke RUHR.2010 wurden in den 53 beteiligten Städten 5500 Veranstaltungen geboten, die mehr als zehn Millionen erlebten.

Essen (epd). Unter dem Motto "Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel" wollte das Revier seine Entwicklung von einer von Kohle und Stahl geprägten Region zur dichtesten Kulturlandschaft Europas zeigen. Dieser Imagewandel sei gelungen, bilanziert RUHR.2010-Geschäftsführer Fritz Pleitgen. Gegen das Bild von der heruntergekommenen Industrieregion sei man mit "starken, frischen Bildern" angegangen. Einzig das Loveparade-Unglück in Duisburg werfe einen Schatten auf die Kulturhauptstadt Europas 2010.

Schon zum Eröffnungsfest im Januar strömten 200 000 Menschen trotz Schneegestöbers auf das Gelände des Weltkulturerbes Zollverein in Essen. Unter dem Motto "Sing" versammelten sich im Juni 60 000 Sänger zum größten Chor Europas in der Schalke-Arena. Etwa 200 000 kamen zur Nacht der Industriekultur "ExtraSchicht". Die Museen meldeten Besucherrekorde. Und mehr als drei Millionen Menschen feierten im Juli auf der Verkehrsschlagader des Ruhrgebiets, der A 40, das "Still-Leben Ruhrschnellweg". An den 20 000 Tischen der "längsten Tafel der Welt" präsentierten sich unzählige Gruppen, Vereine und Initiativen.

Über das Kulturfest auf der gesperrten Autobahn zwischen Dortmund und Duisburg berichteten Medien aus aller Welt, von der "Jakarta Post" über den "New Zealand Herald" bis zur "Shanghai Daily".

Der Imagegewinn erfreut auch die keineswegs erfolgsverwöhnten Lokalpolitiker. "Die Bilder unserer Stadt und der Metropole Ruhr, die um die Welt gegangen sind, sind unbezahlbar", meint der Essener Oberbürgermeister Reinhard Paß (SPD). Doch den Machern von RUHR.2010 ging es nicht nur um große Events. Es sei darauf angekommen, "die enorme, aber bis dato unbekannte Vielfalt und Kraft der Kultur in der Metropole Ruhr zum Leuchten zu bringen", betont Pleitgen.

Dabei präsentierte sich nicht nur die ohnehin vorhandene breite Kulturlandschaft des Reviers mit 200 Museen, 120 Theatern und 100 Konzertstätten sowie Festivals wie der RuhrTriennale und den Ruhrfestspielen. Im Blickpunkt standen auch die "Kathedralen der Industriekultur" wie Zeche Zollverein, der Oberhausener Gasometer oder der Landschaftspark Duisburg-Nord. Deutsche wie internationale Künstler griffen mit kreativer Unbekümmertheit die Industriegeschichte auf, die die Region bis heute prägt. So entstand etwa das Projekt "Schachtzeichen", 311 gelbe Riesenballons, die im Mai wie Stecknadelköpfe auf einer Landkarte über dem Ruhrgebiet schwebten und die ehemaligen Standorte der Zechenschächte markierten.

Für die "Design-Kioske" entwarfen 30 europäische Designer Produkte wie einen Schmuckanhänger aus Kohle oder "Pott-Lappen" (Topflappen) aus dem blauen Webstoff der Bergmannshemden. Die Teilnehmer des Projekts "Emscherkunst.2010" wagten sich in die "No-Go-Area" des zentralen Abwasserflusses des Ruhrgebiets und installierten ihre Werke auf der 34 Kilometer langen "Emscher-Insel".

Das wichtigste Ergebnis ist für RUHR.2010-Chef Pleitgen aber der große Zuspruch der örtlichen Bevölkerung: Es reisten nicht nur Touristen aus Flensburg oder Stuttgart an, um den Wandel des Kohlenpotts zum Kulturrevier zu besichtigen. Nach einer Befragung des Regionalverbandes Ruhr kamen vier von fünf Veranstaltungsbesuchern aus der Region selbst. Es sei gelungen, die Bürger zu Akteuren zu machen, freut sich Pleitgen. Asli Sevindim, eine der künstlerischen Direktoren der RUHR.2010, spricht von neuem Selbstbewusstsein der Menschen.

RUHR.2010 habe die Identität des Reviers gestärkt und die Menschen zusammengeschweißt, ergab auch eine WDR-Umfrage. Dortmunds Oberbürgermeister Ullrich Sierau (SPD) formuliert das so: "Wir wissen, was wir können, und wir sind insgesamt kulturell weiter zusammengewachsen." Meinung

   

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