Wolfgang Neuss, Hanns Dieter Hüsch oder Werner Finck – das sind große Namen des Kabaretts. Die Szene feiert sie und sich selbst im Januar 2011. Denn auf 110 wechselvolle Jahre blickt diese Kunstform in Deutschland dann zurück.

Mainz (dpa). Es war eine Bewegung. Manche sprachen von Revolution. "Wir werden diese alberne Welt umschmeißen!", verkündete Otto Julius Bierbaum – und das ohne Blutvergießen, "nur" mit der Macht der Worte. Am 18. Januar 1901 – also vor fast genau 110 Jahren – erlebte das Kabarett in Deutschland seine Geburtsstunde.

Es begann mit einem Kotau vor dem Kaiser, der doch bitte den Spöttern auf den Bühnen gnädig sein sollte, ging über die große Zeit der 20er mit Friedrich Hollaenders Texten und weiter über den abgedrehten Fernsehton, weil Wolfgang Neuss den TV-Oberen zu bissig war, bis zum heutigen politischen Kabarett, das in den Kellerbühnen gelandet ist.

"Das Kabarett war schon totgesagt, als es gerade geboren war, tatsächlich ist es noch immer eine quicklebendige Leiche", sagt Kabarett-Historiker und Neuss-Biograf Volker Kühn. Das will auch das Deutsche Kabarettarchiv in Mainz beweisen, das im kommenden Jahr mit etlichen Veranstaltungen nicht nur das 110er Jubiläum, sondern auch seinen eigenen 50. Geburtstag feiert.

Im Archiv, in wunderbaren Katakomben beheimatet, lagern unter anderem von Charlie Chaplin signierte Postkarten, das schrille Kleid der Chansonnette Helen Vita und 15000 Plakate.

"Hier wird die Kabarettgeschichte lebendig gehalten", sagt Leiter Jürgen Kessler – und hinter ihm schauen die Großen dieses Genres von der Wand: Werner Finck, Hanns Dieter Hüsch, Kurt Tucholsky...

In den weiß getünchten Gewölben kommt man ihnen noch ein wenig näher als draußen, wo sich die Sterne des "Walk of Fame der Satire" übers Trottoir ziehen.

Anlässlich des doppelten Jubiläumsjahres sollen hier weitere Künstler verewigt werden (über Namen hüllt sich Kessler noch in Schweigen). Und auch neue, einzigartige Materialien erwartet das Archiv, das jährlich rund 6000 Besucher an seinen zwei Standorten in Mainz und im Schloss Bernburg in Sachsen-Anhalt zählt.

So überreicht Elke Heidenreich den Nachlass ihrer Kunstfigur Else Stratmann und schlüpft "ein letztes Mal", wie Kessler betont, in die Rolle der schnoddrigen Metzgersgattin aus Wanne-Eickel. Auch zahlreiche Ausstellungen wie etwa eine zum Thema "Satire und Justiz" oder auch Ende Oktober eine Geburtstagsparty begleiten das Jubiläumsjahr.

Aber: Gibt es denn wirklich etwas zu feiern? Wie "quicklebendig" ist die kabarettistische Leiche? "Es wird Kabarett so lange geben, wie sich die Welt dreht – aber es ist eher wieder in den Keller gezogen", sagt Kühn. Das Massenpublikum ergötze sich dagegen an Comedy Marke Mario Barth oder Ingo Appelt. "Da geht es nicht mehr um Kunst, sondern nur um Kommerz", beklagt Kessler. Mutig, nein mutig sei das nicht mehr.

"Kabarett ist doch nicht, wenn man sich über die Schweißflecken von Angela Merkel lustig macht, es geht doch um die Inhalte, darum, unversöhnt mit der Welt zu sein", sagt auch Kühn. Und überhaupt, frei nach Tucholsky: Ein Kabarettist ist auch irgendwie ein Moralist. Dagegen sei das, was vor allem die privaten Fernsehsender anbieten, "Wohlfühlveranstaltungen". "Mit dem Gestus des Kabarettmachens hat das nichts mehr zu tun", sagt Kühn.

Wie er kann auch Kabarettarchiv-Leiter Kessler mit der aktuellen, nicht selten unter der Gürtellinie agierenden Comedy nichts anfangen: "Heute geht es um Kult und Quote, um Verletzung statt Entlarvung." Die Gründer des Kabaretts waren zwar anfangs auch noch zurückhaltend mit eben dieser Entlarvung gesellschaftlicher Missstände, schließlich gab es noch den Kaiser.

Dennoch schossen die Kleinkunstbühnen nur so aus dem Boden – zwischen 1901 und 1902 entstanden laut Kessler allein in Berlin rund 40 Kabaretts. Die Geburtsstunde macht sich übrigens fest an der Eröffnung des ersten deutschen Kabaretts, des "Überbrettls" von Ernst von Wolzogen am 18. Januar 1901 in Berlin.

Aber erst in der Weimarer Republik erlebte das politische Kabarett eine erste Blüte. Und mit dem Ende der Nazi-Diktatur konnte sich die kritische Kunstform nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik frei entfalten. Doch als mediales Zugpferd im Fernsehen war das politische Kabarett nicht wirklich erwünscht, berichtet Kühn und erinnert an diverse Eingriffe der Fernsehräte. Ein Grund: "Der großen breiten Masse wurde nicht zugetraut, kritisch zu denken."

Und deshalb ist das, was heutzutage gemeinhin als Kabarett bezeichnet wird, um noch einmal Kessler zu zitieren, längst "keine revolutionäre Bewegung mehr, sondern eine kommerzielle Angelegenheit".

 

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