Die Sonderausstellung ist vom 13. Juli bis 11. Oktober zu besichtigen. Öffnungszeiten sind 10 bis 18 Uhr, mittwochs bis montags in der Feininger-Galerie, Schlossberg 11, Quedlinburg

Quedlinburg l Rund ein Jahr ist Michael Freitag jetzt Direktor der Feininger-Galerie. Jetzt macht er mit der Sonderausstellung "Narrenrad und Rädernarr" ein Versprechen wahr. Jedes Jahr soll das gesamtkünstlerische Werk von Lyonel Feininger gezeigt werden. "Wir wollen diesmal den Karikaturisten Feininger stärker ins Bewusstsein heben, denn in dieser Rolle war er einer der wichtigsten und stärksten seiner Zeit", sagt Direktor Michael Freitag. Dabei war es ihm wichtig, den Bauhaus-Künstler in den Kontext seiner ebenfalls berühmten Kollegen zu stellen. Deshalb finden sich in den Räumen der Galerie auch Werke von Max Feldbauer oder Paul Rieth.

Der erste Teil der Ausstellung widmet sich vor allem der gesellschaftlichen Bedeutung des Fahrrads. Um 1900 wurde es für Männer und vor allem für Frauen möglich, individuell zu reisen. Sie waren nicht mehr auf die Kutsche oder die Eisenbahn angewiesen. "Das Rad gilt als Instrument eines Gefühls der Dynamisierung und Beschleunigung in den entstehenden Metropolen Europas", sagt Michael Freitag. Er betont dabei besonders die Rolle des Rades für die Emanzipation der Frau, was sich in zahlreichen Karikaturen der Ausstellung finden lässt. Speichenschutz, eine geschützte Kette, in der sich die Kleider nicht verfangen konnten, und nicht zuletzt die speziell für das Radfahren entwickelte Vorform des BH. Die Männer konnten mit dieser Art der Emanzipation nicht gut umgehen. Die Karikaturen aus Berliner Zeitschriften wie ULK. Illustriertes Wochenblatt für Humor und Satire" oder "Das Narrenschiff. Blätter für fröhliche Kunst" zeigen diesen Umstand humoristisch auf. Die gesellschaftliche Ebene des Themas Radfahren wird durch ein Damenrad, das 1893 gebaut wurde, komplettiert.

Der Rädernarr Lyonel Feininger wird in einem zweiten Teil der Sonderausstellung präsentiert. 56 Karikaturen von Lyonel Feininger, darunter Originale, Zeitungsausschnitte und Postkarten, zeigen dabei die enorme Bedeutung des Rades für den späteren Bauhaus-Meister auf.

"Alles, was sein künstlerisches Werk ausmacht, geht auf die Radlerei zurück", erklärt Michael Freitag. Den Strich, die Raumführung, die Ökonomie der Bildmittel - als Karikaturist lernte Feininger all diese Dinge durch eine harte Schule, wie Michael Freitag erklärt. Von den späteren Werken Feiningers unterscheiden sich die Karikaturen aber deutlich. Eines allerdings bleibt: Das Fahrrad.

Mit seinem Rad der Marke "Cleveland" legte Feiniger Zehntausende Kilometer zurück. Michael Freitag ist besonders stolz, ein Rad des gleichen Modells im Originalzustand zu zeigen. Vor allem, da dieses Fahrrad eines der häufigsten Schicksale der Zweiräder erlitt. Der Besitzer hatte einen Unfall, was an verschiedenen Macken zu erkennen ist. Das Thema Unfall findet sich in vielen der gezeigten Karikaturen wieder. Auf den Radtouren Feiningers durch Thüringen, Brandenburg, den Harz und entlang der Ostseeküste entstanden zahlreiche Skizzen. "Das waren die Inspirationen für die Bilder, die er später im Atelier gemalt hat", sagt Michael Freitag.

Komplettiert wird die Sonderausstellung mit der gesellschaftlichen und der persönlichen Komponente durch eine Dauerausstellung, in der Teile der Sammlung Hermann Klumpp (1902-1987) gezeigt werden.

"Ich glaube, es ist Zeit zum Umdenken, wie wir mit den ererbten Gegenständen umgehen", sagt Michael Freitag. Nicht nur die konservatorische Belastung durch das permanente Ausstellen der Werke sei hoch. Michael Freitag befürchtet auch eine moralisch-geistige Ermüdung des Materials, das in den vergangenen Jahren für die verschiedensten Themen herhalten musste. "Unser neues Konzept nimmt den Druck von der Kernsammlung und öffnet das Haus für andere Besucherinteressen", sagt Michael Freitag. So hofft er für die Sonderausstellung auch auf viele Radtouristen. Gleichzeitig ist sich Freitag sicher: "Mit dem Thema vervollständigen wir nicht nur das Bild auf Feininger, sondern vertiefen den Blick auf das Gesamtkunstwerk."

Im kommenden Jahr feiert die Feininger-Galerie ihr 30-jähriges Bestehen. Auch dazu wird es eine Sonderschau geben. Sie wird die Künstlerfamilie in den Mittelpunkt rücken. Dann werden nicht nur Werke von Lyonel Feininger, sondern auch Fotografien seines Sohnes Andreas und weitere Familienschätze zu sehen sein. Diese Sonderausstellung findet im Rahmen der Vorbereitung auf das Bauhaus-Jubiläum 2019 statt.


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