Für die einen ist er ein Chaot, für die anderen Kult – Rainald Grebe. Er hat Brandenburg, Thüringen und Sachsen besungen, ein Lied über den Bundespräsidenten Köhler geschrieben und scheint vor nichts und niemandem Respekt zu haben. In diesem Jahr bekommt er den Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Chanson/Lied/Musik, im Februar kommt er nach Magdeburg. Mit dem Mann zwischen allen Genres sprach Volksstimme-Redakteur F.-René Braune.

Volksstimme: Wenn man Rainald Grebe hört, weiß man nie, auf welche Gefühlsregung man sich einstellen muss. Sie können ihre Zuhörer betroffen machen, nachdenklich werden lassen oder einfach zum Lachen bringen. Ist diese Unberechenbarkeit Kalkül oder einfach nur Grebe?

Rainald Grebe: Beides, das ist ja absichtlich so gemacht, weil ich ja ständig zwischen allen Stühlen hänge und eigentlich gar nicht lustig sein will. Dass das immer so umswitcht, hängt schon tief in mir drin. Ich lebe praktisch meine eigenen Stimmungen aus.

Volksstimme: Ihre Themen sind so vielfältig wie das Leben selbst – die Stiftung Warentest karikieren Sie ebenso wie den ehemaligen Bundespräsidenten oder Sushi-verzehrende gelangweilte Ehepaare. Gibt es etwas, für das Sie sich nicht interessieren?

Grebe: Bestimmt. Es gibt viele Sachen, für die ich mich nicht interessiere. Aber meistens sind es ja Momentaufnahmen, die man wahrnimmt, bei denen man das Gefühl hat, dass es etwas bedeutet und wo dann plötzlich das Interesse drauffällt – das weiß man ja vorher immer nicht. Das kann in einer Einkaufspassage passieren, in der Straßenbahn, überall eigentlich.

"Was ich mache, ist eine sehr persönliche Geschichte"

Neulich war ich auf der Autobahn und habe ein Plakat gesehen auf dem stand "Erdölmuseum rechts ab". Das sind solche Momentaufnahmen, in denen ich denke – das ist ja interessant. Wobei diese Einordnung natürlich immer sehr subjektiv ist. In meiner Wohnung liegen nur Zettel rum, auf denen Ideen stehen. Ich schreibe gerade über meinen Nachbarn, den ich nicht kenne, den ich noch nie gesehen habe und der jetzt auszieht.

Volksstimme: Geht das noch – kann man Rainald Grebe sehen, ohne ihn zu kennen? Die Aufrufe ihrer Videos bei Youtube bewegen sich ja in Rekordzahlen …

Grebe: Es geht schon noch – ich werde zwar auf der Straße häufig angesprochen, aber nicht wirklich dauernd.

Volksstimme: Die Texte Ihrer Lieder reichen von bissiger Satire über den zielstrebigen Kalauer bis zur herben Enttäuschung über das Leben an sich. Wie viel davon ist Dramaturgie und wie viel ist wirkliche Emotion?

Grebe: Eigentlich kann man das nicht trennen, obwohl auf der Bühne ja vieles durchdacht ist. Was ich mache, ist trotzdem eine sehr persönliche Geschichte, ich würde sagen, dass ich mich als Bühnenfigur spiele. Die ganzen Sachen sind immer durch mich durchgegangen, und es sind meistens irgendwelche Erlebnisse – vom Hautausschlag angefangen – die ich dann verquirle.

Volksstimme: Aber Sie leiden nicht permanent …

Grebe: Nein, natürlich nicht, das ist einfach mein Umgang damit, dass ich ständig mich selbst spielen darf. Dass es anders läuft, kann ich mir auch gar nicht vorstellen.

Volksstimme: Sie bewegen sich zwischen Comedy, Chanson, Kabarett, Theatralik. Wie sehen Sie sich selbst?

Grebe: Ich denke in Kategorien wie Totaltheater. Als Vorbilder könnte man Leute wie Schlingensief oder Helge Schneider nennen. Leute, die jede Form nutzen können oder zumindest ganz viele.

Volksstimme: Gibt es zwischen Ihnen und Ihrem Publikum eine Art unausgesprochene Übereinstimmung, weil die Leute wissen, was sie zu erwarten haben, oder müssen Sie sich die Zustimmung immer neu erarbeiten?

Grebe: Die Reaktionen sind schon sehr unterschiedlich, weil mein Klientel auch sehr gemischt ist.

Phasenweise hatte ich meistens so 20-Jährige im Publikum, mittlerweile kommen auch viele Ältere. Ich weiß immer gar nicht, wohin das dann führt, weil ich die Leute ja manchmal auch überfordere und sie sich auf etwas Neues einstellen müssen.

Es ist also jedesmal eine spannende Erfahrung, auf jeden Fall aber wird das mit dem Hass und dem Unverständnis weniger.

Volksstimme: Das gab es aber?

Grebe: Gerade am Anfang war das so, als es für mich noch darum ging, überhaupt Auftritte zu haben. Da bin ich dann schon mal in so einer Art Abonnenten-Kabarett gelandet.

Das war ja schrecklich, weil die Leute irgendwelche Dauerkarten hatten und etwas ganz Bestimmtes gewöhnt waren. Aber jetzt habe ich schon ein größeres Publikum und das freut sich im Prinzip erst mal. Die rufen aber auch, das es langweilig ist, wenn’s ihnen nicht gefällt.

Bei meinen Auftritten in der Sendung "Neues aus der Anstalt" sitzen ja auch viele grauhaarige Zuschauer und beim Fernsehen weiß man ja ganz genau, wer abschaltet und wer dranbleibt.

"Ich glaube, dass ich mehr mache, als nur zu unterhalten. "

Volksstimme: Haben die Fernsehauftritte ihre Popularität maßgeblich erhöht?

Grebe: Im Vergleich zu anderen bin ich wirklich sehr selten im Fernsehen. Bei mir läuft viel mehr übers Internet, beispielsweise Youtube. Da hat sich eine ganze Menge getan. Und das hat etwas fast Volksmusikalisches, weil das Volk entscheidet, was es über das Internet an andere weitergibt. Es ist eben nicht mehr die alte Plakatwand von früher.

Volksstimme: Es gibt Vertreter Ihrer Branche, die erst auftreten, wenn mindestens 500 Zuschauer in den Saal passen, Wie ist das bei Ihnen?

Grebe: Wenn ich – so wie jetzt – mit dem Orchester und insgesamt 15 Leuten unterwegs bin, brauchen wir schon große Säle, damit sich die Sache überhaupt rechnet.

Ich habe aber gar kein Problem damit, wieder allein mit meinem Koffer zu touren. Ich mag auch das Kleine sehr gern.

Volksstimme: Haben Sie manchmal das Gefühl, bei Ihren Zuschauern mehr zu bewirken, als sie unterhalten zu haben oder geht es darum gar nicht? Wie würden Sie Ihren eigenen Anspruch beschreiben, ihre Motivation das zu tun, was Sie tun?

Grebe: Ich glaube schon, dass ich mehr mache, als nur zu unterhalten.

Im besten Fall hoffe ich, dass die Leute Zeilen im Kopf behalten und dass ihnen diese Zeilen etwas geben. Darum mache ich das auch, um irgendeine merkwürdige Wahrheit zu treffen.