Magdeburg/Dresden l Der monumentale Karl-Marx-Kopf gehört zum Stadtbild von Chemnitz wie der Fernsehturm zu Berlin. Nun liegt auch ein gewaltiger Darm des Philosophen als Skulptur im Schillerpark von Chemnitz. Er gehört zu einem Ausstellungsprojekt, mit dem Künstler den öffentlichen Raum beleben. Diskussionen inklusive. Die gab es auch über ein Boot, das auf dem Opernplatz zerschellte, oder ein Auto, das ein Schweizer Künstler im Chemnitzer Schlossteich versenkt hatte.

All das war in eingespielten Bildern zu sehen. In der Runde im Landesfunkhaus Dresden saß Ferenc Czak, Leiter der Chemnitzer Kulturhauptstadtbewerbung, und erzählte in der Sendung "Fakt ist!" von diesen Aktionen, von Plänen und Chancen. Im Boot um den Titel-Kampf sind noch vier weitere deutsche Bewerber: Hildesheim, Hannover, Nürnberg und – ebenfalls aus dem MDR-Sendegebiet – Magdeburg. Aus der sachsen-anhaltischen Landeshauptstadt war in der Sendung niemand vertreten.

Das verwundert bei den vorab vom Sender angekündigten Fragestellungen: Was versprechen sich Magdeburg und Chemnitz vom glanzvollen Titel Kulturhauptstadt 2025? Wie wollen beide Städte, die von Umbrüchen geprägt sind, mit europäischer Kultur für sich werben? Es ging zudem darum, was so ein Jahr in der Region nachhaltig bewirken könne.

Magdeburg fand letztlich nur ganz kurz Erwähnung.

Stellvertreter für alle Städte

Dem MDR, so die gestrige Antwort von Andreas F. Rook, Redaktionsleiter und Moderator der Sendung, auf Volksstimme-Nachfrage, sei es in der Runde um Vertreter aus dem Kreis der aktuellen Bewerberstädte gegangen, der "stellvertretend für andere erklärt, welche Erwartungen man mit dem Kulturhauptstadttitel verbindet. In diesem Fall haben wir uns für einen Chemnitzer Vertreter entschieden." Als die Zusage da gewesen sei, habe man keinen weiteren Gast aus einer der anderen Städte angefragt. Rook: "Da es in der Sendung weder um die verschiedenen Bewerbungsstrategien noch um einen Vergleich der Städte untereinander gehen sollte, gab es auch keinen Grund, Vertreter mehrerer Städte einzuladen." Chemnitz hatte ein Podium, Magdeburg nicht.

Es ging eine Stunde um Chancen, Geld, Nachhaltigkeit. Manche Kulturhauptstädte haben vom Titel profitieren können. Beispiel Liverpool. 2008 feierte die Stadt den Titel, investierte jede Menge Geld in die Sanierung des Stadtbildes und zog sagenhafte 15 Millionen Besucher an. Auch Essen mit dem Ruhrgebiet 2010 konnte das Image aufpolieren. In Weimar hingegen Katerstimmung. Die Goethe-Schiller-Stadt hatte im Festjahr 1999 ein Kulturfeuerwerk gezündet, aber nach der Party gab es Schulden von 12 Millionen DM. Die musste das Land Thüringen übernehmen und kürzte daraufhin das Kulturbudget. Manch anderer Titelträger der vergangenen Jahre ist kaum im Gedächtnis geblieben. Chancen und Risiko einer Kulturhauptstadt würden dicht beieinanderliegen, sagte Kristina Jacobsen von der Universität Hildesheim, die zu europäischen Kulturhauptstädten forscht.

Schriftsteller erwartet mehr Herzblut

Auch Ulrich Fuchs, ehemaliger Vorsitzender der EU-Jury, sprach von Chancen und Risiken. Man dürfe nicht ein einmaliges Event sehen, sondern eine Stadtentwicklung. Der aus Marseille ins Studio zugeschaltete Kulturmanager sehe die große Herausforderung für die Macher darin, Kunst und Kultur jenen schmackhaft zu machen, denen der Zugang schwererfällt. Er sprach von Zugänglichkeit, auch von Kontroversen und Diskursen, die zu einer Kulturhauptstadt gehören würden.

Dass die Bewerbung in Chemnitz noch nicht verankert ist in der Stadtgesellschaft, zeigte eine Reporter-Umfrage. Mit dem neuen Motto "C the Unseen" (Sieh das Unsichtbare/die Unsichtbaren) konnten viele der Befragten nichts anfangen. "Es braucht mehr Herzblut", so Schriftsteller Marko Martin, in die Runde geladen als Kulturhauptstadt-Skeptiker. Martin, der 2016 in der Kulturhauptstadt Breslau Stadtschreiber war, sieht im Titel etwas Elitäres. Er kritisierte Bürokratensprech und allroundsubventionierte Kunst. Man solle stärker auf das Steuergeld schauen, das ausgegeben werde. Eine Nachwirkung im kulturellen Leben sei wichtig. Martin habe aber oft den Eindruck von "Brot und Spiele für ein Jahr".

Fuchs sprach von einem "Stipendium", das es von der EU für den Titel gebe und erklärte, dass die EU generell mit wenig finanzieller Unterstützung dabei sein würde. "Das Geld kommt von Stadt, Bund, Land."

Am 28. Oktober fällt die Entscheidung in Berlin. Sie wird über Streams in die Bewerberstädte übertragen. Magdeburg, wie Chemnitz Corona-Risikogebiet, hat in die Festung Mark geladen.