Magdeburg l 5000 Besucher weniger im Naumburger Dom – allein im März, und 13 000 weniger im April im Vergleich zum Vorjahr. 30 000 fehlende Besucher in der „Ringe der Macht“-Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. 5000 Nicht-Besucher im Kunstmuseum Moritzburg in Halle – pro Woche. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs.

Mit einem Verlust von 1,5 Millionen Euro 2020 rechnet die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, zu der neben dem Kunstmuseum Moritzburg und der Lyonel- Feininger-Galerie, drei Burgen, sieben Schlösser, vier Dome und zwei Klöster in Sachsen-Anhalt gehören. Die Vereinigten Domstifter zu Naumburg-Merseburg und des Kollegiatsstifts Zeitz beziffern ihren Verlust momentan auf 140 000 Euro. Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz kalkuliert 320 00 Euro Verluste für März und April.

Ferropolis gehen monatlich 10 000 Euro durch die fehlenden Tagesbesucher verloren. Ausfälle durch Großveranstaltungen, die traditionell erst im Sommer stattfinden, sind da noch nicht eingerechnet. Gabriele Köster, Direktorin der Magdeburger Museen, geht von 50 Prozent weniger Einnahmen aus. Das sind, nach Museumsangaben, 45 000 Euro. Die Theater Magdeburg beziffern ihre Verluste zwischen dem 13. März und dem 19. April auf 220 000 Euro.

Die Folgen reichen bis 2021

Dazu kommen überall abgesagte, verschobene, früher beendete Ausstellungen, Veranstaltungen, ausgeladene Künstler – denn die Folgen des ausgesetzten öffentlichen Lebens in Sachsen-Anhalt reichen bis weit ins kommende Jahr. So musste die Retrospektive mit Fotos von Karl Lagerfeld im Kunstmuseum Halle schon eine Woche nach ihrer Eröffnung wieder schließen. Wenn sie über das geplante Ausstellungsende im August hinaus verlängert würde, müsste die ab Oktober geplante Ausstellung „La Bohème“ verschoben werden. Doch da für sie internationale Leihgaben anreisen, ist eine Verschiebung nicht möglich. Moritzburg-Direktor Thomas Bauer-Friedrich denkt über eine Variante ohne internationale Leihgaben nach. Wer den Besuch der Ausstellung „Ringe der Macht“ bisher aufgeschoben hat, wird sie wohl nicht mehr sehen können – offizielles Ausstellungsende ist der 2. Juni. Danach müssen alle internationalen Leihgaben zurückgegeben werden.

Ob die ebenfalls mit vielen internationalen Leihgaben für November geplante Ausstellung über die „Welt der Himmelsscheibe von Nebra“ wie geplant stattfinden kann, ist nach Aussage von Museumssprecher Alfred Reichenberger noch nicht klar. Immerhin können die archäologischen Grabungen in Sachsen-Anhalt weitergehen – im geforderten Abstand.

Das Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen in Magdeburg dagegen musste sein geplantes Jahresprojekt mit zeitgenössischer Kunst zum Thema Nachhaltigkeit und Natur „komplett auf Eis legen“. Direktorin Annegret Laabs beziffert den gegenwärtigen Schaden auf 100 000 Euro, denn auch Vermietungen sind nun nicht mehr möglich. Genug Zeit bleibt allein für neue Pläne und die Arbeit am Sammlungskatalog.

Freiberufler mit Problemen

In den meisten der hier beispielhaft aufgeführten Häuser und Kulturinstitutionen arbeiten die Mitarbeiter im öffentlichen Dienst, so dass sie derzeit keine finanziellen Sorgen haben müssen.

Ganz im Gegensatz zu Künstlern und anderen Freiberuflern, mit deren Werken sie arbeiten oder deren Arbeit sie einkaufen. Restauratoren zum Beispiel. Für sie hat die Ernst- von-Siemens-Kunststiftung schon am 18. März ein neues, sofort wirksames Förderprogramm zur Unterstützung von selbständigen Restauratoren und Wissenschaftlern eingerichtet. Die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz bekam bereits 22 500 Euro, um fünf Restaurierungen umsetzen zu können. Damit haben fünf Werkstätten weiter Arbeit.

Zusage für Projekte zur Restaurierung

Auch die Kulturstiftung Sachsen-Anhalt hat die Zusage für die Finanzierung eines Restaurierungsprojektes, zwei weitere Anträge werden derzeit bearbeitet. Das Programm kann auch freien Kuratoren und Wissenschaftlern nutzen, die projektgebunden an den Museen arbeiten. Für sie hofft Museumsverbandschefin Susanne Kopp-Sievers, dass die Bibliotheken und Archive bald wieder öffnen.

Glücklich, wer als Künstler angestellt ist und tolerante Nachbarn hat. Johannes Wollrab, Bariton am Theater Magdeburg, hat sie und probt in seiner Wohnung, denn er soll in der nächsten Saison den Ritter Odilo singen. Ohne Feedback sei das Singen zwar „ein bisschen deprimierend“, sagt Wollrab, aber „Partienstudium ist nie verkehrt, denn was man gelernt hat, das kann man“. Für Proben per Videokonferenz sei die übliche Technik jedoch nicht gut genug. Schließlich gehe es bei Profimusikern um Nuancen.

Nicht um Nuancen, sondern um die Existenz könnte es für Ferropolis gehen. Geschäftsführer Thies Schröder hat seine Mitarbeiter – insgesamt sieben – in Kurzarbeit schicken müssen und Soforthilfe beantragt. Ob er sie bekommt, ist noch nicht klar. Eigentlich steht sie Ferropolis nicht zu, denn die GmbH hat mit der Stadt Gräfenhainichen einen öffentlichen Gesellschafter. Deshalb hofft Schröder auf eine „differenzierte Anwendung der Richtlinien“, soll heißen: Er hofft auf Kulanz bei der Antragsbearbeitung und auf eine Zusage, denn sonst stehe das ganze Projekt „Stadt aus Eisen“ vor dem Aus.

In der Zeit des Wartens sieht sich Thies Schröder um, was andere Festivalbetreiber so machen. Die Idee des Autokinos wäre auch für Konzerte in Ferropolis umsetzbar. In Nordrhein-Westfalen werde darüber nachgedacht. „Im besten Fall können wir in der zweiten Jahreshälfte für den Festivalbetrieb wieder öffnen. Dann kämen wir mit einem blauen Auge davon“, sagt Thies Schröder.

Kurzarbeit auch im Gartenreich

Glücklich auch, wer momentan baut, denn gebaut wird, bewilligte Fördermittel fließen. Auch die Kulturstiftung Dessau-Wörlitz kann weiterbauen. Der Gondel- und Fährbetrieb musste jedoch eingestellt werden, Kurzarbeit für die 50 Saisonkräfte werde momentan verhandelt, manche helfen in anderen Abteilungen der Kulturstiftung aus, sagt Kulturstiftungsdirektorin Brigitte Mang.

Im Kunstmuseum Moritzburg arbeiten täglich vier Mitarbeiter an digitalen Angeboten und Führungen durch die Ausstellung. „Im normalen Museumsalltag würden wir das nicht schaffen“, sagt Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich. Er hofft, dass es in Zukunft sowohl Personal als auch Technik für solche Angebote geben werde.

Darauf hofft auch Annegret Laabs. Denn mittels „wackliger Handyfilmchen“ will , Direktorin des Magdeburger Kunstmuseums ihr Haus nicht präsentieren. Für gute Filme und digitale Projekte fehlen ihr bisher die Mittel. Dabei habe sie längst Fördermittel beantragt, um ihr Projekt „(Kunst)Museum neu denken – Wie verändert Digitalisierung die Kunst, die kulturelle Bildung und die Museen?“ beginnen zu können. Doch die Fördermittel sind noch immer nicht bei ihr angekommen.

Susanne Kopp-Sievers, Geschäftsführerin des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt, sieht die größten Probleme momentan für die kleinen Museen, die von Vereinen geführt werden. „Eine sehr gute Nachricht aber ist, dass Lotto-Toto kürzlich einen Hilfsfonds für Vereine aufgelegt hat“, sagt Kopp-Sievers.

Während es momentan weder Termine noch Szenarien für eine Rückkehr zum normalen Leben gibt, wächst die Sehnsucht danach. Kunststiftungschefin Manon Bursian rechnet dann mit einer wahren Flut von Veranstaltungen und Eröffnungsfesten. Schon jetzt habe sie massenweise Anfragen für Einmietungen in die Kunststiftung. „Es wird ein Kulturfest“, sagt Manon Bursian voller Hoffnung. Und voller Vorfreude.