In großen Lettern steht „blaue moschée“ an einer Wand aus roten Ziegeln im Elb-Havel-Winkel. Die alte Scheune am Wegesrand mitten in Kuhlhausen hat baulich gesehen schon bessere Zeiten erlebt. Doch ist sie nicht abgeschrieben, im Gegenteil: Im nächsten Jahr soll sie Menschen auf dem Weg durch das kleine Haveldorf nahe Havelberg im Norden Sachsen-Anhalts ein Ort der Einkehr sein. Wo sie Halt machen können. 24 Stunden am Tag.

„Endegelände – Initiative für Kultur und Verständigung“ heißt der Verein, der das möglich macht. Thomas Harzem hat das zum denkmalgeschützten Runddorf-Ensemble Kuhlhausens gehörende Grundstück 2013 zusammen mit Gatis Silde gekauft. „Das war reiner Zufall“, erzählt der Videokünstler und Regisseur, der schon in vielen Ländern der Welt gearbeitet und gelebt hat. Auf ebay-Kleinanzeigen war er unterwegs, um für jemand anders ein Grundstück zu finden. Da stieß er auf den Vierseitenhof.

„Ich hatte nicht vor, Eigentum zu erwerben. Aber diese Lage so nah an Berlin, in der man doch so weit weg sein kann von der Großstadt, und das Leben an der Biegung des Flusses haben mich fasziniert.“ Im Oktober 2013 fuhr er eines Abends in das kleine Dorf zum Besichtigungstermin am nächsten Tag. Das Haus steht direkt neben der Dorfkneipe. „Am Stammtisch saßen die obligatorischen drei Männer. Dass ich mit einem alten 73er Ford Transit in leuchtendem Gelb vorgefahren war, bot Gesprächsstoff. Fünf Stunden intensiver Unterhaltung und eine Flasche kubanischen Rum aus meinem Auto später stand nachts um zwei fest: Ja, ich darf hierher ziehen.“

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Zu gucken, was rechts und links ist, sieht Thomas Harzem als wichtig an. Er öffnete sein Haus an Silvester, hatte das Dorf zu Gast. Und viele Freunde. Künstler, die bis nach Mitternacht Musik machten. Schon zu Ostern 2014 gab es die erste öffentliche Aktivität auf dem Grundstück mit Musik, Malerei, Video- und Klanginstallationen.

Leibgerichte und Kunst

Um es rein privat zu nutzen, ist das Gelände zu groß. Die Idee der „Blauen Moschée“ wurde geboren und der Verein Endegelände gegründet. Die Gülpescheune mit ihrem Anbau bieten die Grundlage dafür. Für die Finanzierung wurde ein Leader-Projekt beantragt. Entstehen soll ein in der Region einzigartiges Ausstellungs- und Projektzentrum für zeitgenössische Installations- und Performancekunst. Der Startschuss wurde 2017 gegeben. Harzem eröffnete das Welcome Center mit Gästen aus Vietnam, Äthiopien und Argentinien, die bei ihrer Lieblingsspeise und mit künstlerischen Darbietungen über ihr Land und ihre Kultur berichteten.

Die Fortsetzung folgt. Am Freitag, 17. August, ist Noah Harley aus den USA zu Gast. Der Musiker und Schriftsteller, der Banjo und Gitarre spielt, wird bei seinem Leibgericht Schwarzer Bohnen-Burger mit Maiskolben und Salat ein Konzert mit seiner Musik geben, bei dem er über die Bedeutung der Musik in ländlichen Gemeinden der USA spricht. Im September berichtet Martyna Miller über ihre Heimat Polen. Die Performance-Künstlerin war schon einmal zu Gast in Kuhl­hausen, spielte beim Erntefest die Erntekönigin aus den Masuren. Sie wird bei eine Performance zeigen und stammt aus einer Region, die auch die Wurzel etlicher Menschen im Elb-Havel-Winkel ist, deren Vorfahren im Zweiten Weltkrieg von dort hierher geflüchtet sind. Ebenfalls im September wird eine Frau aus Armenien über ihr Land berichten.

Der interkulturelle Ansatz des Projektes hat die Fördergeldgeber des Leader-Managements mit überzeugt. Da war Endegelände 2017 der einzige Verein in Sachsen-Anhalt, der das beinhaltete. Offen zu sein für jedermann, das ist das Ziel von Endegelände und der Blauen Moschée. Der Name hat ein bisschen etwas mit der Scheunenanlage zu tun. Während ein Teil schon mit Hilfe von Fördergeldern mit einem neuen Dach eingedeckt ist, ist im anderen der Blick in den blauen Himmel frei. Lediglich die alten Holzbalken zeugen noch davon, dass es auch dort mal ein Dach gab. Mit der Blauen Moschée, die sich fern jeglicher religiöser Bindung versteht, wird ein Ort geschaffen, an dem sich Einheimische und Fremde treffen, Kunst kennenlernen oder einfach nur innehalten können. Sie ist direkt am Havelradweg und Altmarkrundkurs gelegen und steht vis-à-vis des Kuhlhausener Weidendoms, der ebenfalls ein Ort der Begegnung ist. Der Blauen Moschée liegt das Konzept der Autobahnkirchen zugrunde, wo jedoch anstatt der Begegnung mit der Kunst die Begegnung mit Gott im Fokus steht.

Am kommenden Wochenende findet das Querfeldein-Festival in Kuhlhausen statt. Leute aus dem Veranstaltungsbereich und der Jugendarbeit haben dieses Fest einst in Berlin ins Leben gerufen. Endegelände knüpfte den Kontakt und im vorigen Jahr gab es die Premiere des etwas anderen Dorffestes. Weil es so gut angekommen ist, folgt nun die zweite Auflage. Das Motto lautet „Von Freunden für Freunde“, der Eintritt ist frei.

Etwas angestoßen zu haben, das nun zum Selbstläufer wird, findet Thomas Harzem gut. Großstadt trifft Dorf, man feiert zusammen, lernt sich kennen. Die Kuhlhausener integrieren ihre Dorffestelemente etwa mit Kinderspielen und Kuchenbasar in das Festival. Endegelände öffnet dabei die Blaue Moschée zu den Blauen Stunden. „Wir sind die experimentelle und spirituelle Nachtschicht für die Leute, die nicht schlafen gehen wollen und bieten Livemusik, Djs und Videoinstallationen“, kündigt Thomas Harzem an.

Die Blaue Moschée soll bewusst den Charakter einer Brache beibehalten, die nur teilrepariert wird. Alles denkmalgerecht zu sanieren, geht schon rein finanziell nicht. Sie soll ein Ort dazwischen bleiben. „Eine Mischung aus Landart und Installationskunst. Hier öffnet sich eine Pforte wie zu einem wilden Garten, in dem man Kunst vorfindet.“

Die Pflege des Vaters hat Vorrang

Geplant hat der Verein für 2019 eine ständige Ausstellung. „Die Idee ist, dass vier Künstler vier Gewerke zeigen.“ Tom Korn als bildender Künstler, Jan Zimmermann als Klangkünstler, Kathleen Bredenbeck als Wortkünstlerin und Thomas Harzem als Installationskünstler wollen einen Kunstraum erschaffen. Im jährlichen Wechsel sollen jeweils vier neue Künstler ihre Arbeiten dort vorstellen. Die Idee ist bei Interesse auch, dass sich die Kuhlhausener mit einbringen. „Wir brauchen hier keinen Park, wir leben in einem Park und schaffen ein Angebot, wo man sich trifft und was gemeinsam schafft“, sagt Thomas Harzem.

Bevor er in dem kleinen Haveldorf, das 166 Einwohner zählt, ansässig wurde, war der 44- Jährige viel unterwegs, arbeitete als Videokünstler und Bühnenbildner für Theater und Oper sowie als Regisseur vorwiegend im Ausland. Zuletzt setzte er in Berlin-Marienfelde ein theaterpädagogisches Projekt mit Flüchtlingskindern und Einheimischen an einer Grundschule um. Dass er aufs Dorf zog und derzeit nur selten in der Welt unterwegs ist, liegt an seinem an Alzheimer erkrankten Vater. Ihn ins Heim zu geben, kam für ihn nicht infrage. Stattdessen schuf er für ihn einen Platz, der dem seiner Kindheit im Rheinland gleicht und pflegt ihn. „Hier fühlt er sich sehr, sehr wohl und die Krankheit schreitet nur recht langsam voran.“

Dennoch bleibt Thomas Harzem etwas Zeit für seine Kunst. So arbeitet er seit zwei Jahren an einer Videoinstallation, in der er sich aus drei unterschiedlichen Gründen – Bürgerkrieg, Krieg und Naturkatastrophe – mit verlassenen Orten und Häusern auseinandersetzt. Er inszeniert sich dort vor der Kamera selbst und wird für den Betrachter etwa zum ehemaligen Bewohner, Tourist, Soldat oder einfach nur ein Eindringling. Die Idee ist, das Videomaterial in Deutschland und Polen in eine begehbare Theater- und Videoninstallation zu überführen.

„Ich habe früher viel im Ausland gearbeitet, das Verhältnis zu Deutschland und zu meinem Vater war recht distanziert. Durch das Bekenntnis zu meinem Vater sind wir uns sehr nahegekommen und diese Pflege ist viel spannender als manch anderes. Es tut gut zu wissen, dass da irgendwo jemand ist und man nicht alleine ist.“ Das Prinzip, das der Blauen Moschée auch zugrunde liegt.