Karlsruhe/Staßfurt  l Da sitzt er in der Sonne, wirkt zart. Vor ihm steht eine Tasse Kaffee, die Zigarre zündet er sich fast trotzig an. Er, der Mann mit dem einst rabenschwarzen Schnauzer und legendär hitzigen Temperament, sitzt auf der Terrasse eines Karlsruher Hotels und sieht still und zerbrechlich aus. Der Rollstuhl ist diskret an einen anderen Tisch nach hinten geschoben, als gehöre er nicht zu ihm. Luigi Colani, einstiger Star-Designer, Starrkopf, Großsprecher, motziger Revoluzzer, genialer Egomane, feiert am 2. August seinen 90. Geburtstag. Ohne großen Bahnhof, ohne Leute, die Reden halten, ohne Party. Nur mit Frau und einem Schweizer Freund. „Party ist für Nichtse“, sagt er. Und Nichtse sind nichts für ihn.

Colanis Name hat heute noch großen Klang. Er war Vorbild für Generationen junger Designer und auch sonst kennen ihn viele. Am ehesten dämmern im Gedächtnis seine spektakulären, futuristischen Entwürfe herauf von Autos und Rennwagen mit geschwungenen Kotflügeln wie lässig nach hinten geworfenes Haar; von Riesenflugzeugen mit gebogenem Rundbug und Lastwagen mit delfinähnlichem Führerhaus.

Der Universaldesigner hat aber auch Möbel entworfen, Geschirr, Brillen, Kameras, Fernseher, Kleidung, Klos, Küchen. Was seine Entwürfe eint, sind die runden, organischen Formen. Ecken und Kanten sind ihm verhasst, immer schon und heute noch. „Meine Welt ist rund“, sagt er.

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Mit manchen Ideen verdient er viel Geld und erregt großes Aufsehen: Die ergonomisch geformte Spiegelreflexkamera Canon T90 nennt er sein vielleicht bestes Produkt. „Ich habe die Kamerawelt re-vo-lu-tio-niert“, ruft er aus, mit Betonung auf jeder Silbe. Für namhafte Möbelhersteller entwarf er Stühle und Tische; seine Brillen verkauften sich bestens. „Ich bin ein erfolgreiches Schwein und habe riesige Chancen gehabt“, sagt er.

Staßfurter Fernseher und Gaensefhurter Flasch

Auch in Sachsen-Anhalt hinterließ der Meister der Rundungen, bei dem Ecken und Kanten verpönt sind, seine Spuren: 1993 stellte das Fernsehgerätewerk in Staßfurt ein von Luigi Colani entworfenes Gerät vor. Das geschwungene Design wurden von der Fachpresse zwar hochgelobt und auf Funkausstellungen bejubelt – doch am Ende nicht gut genug verkauft. 3300 D-Mark für einen Fernseher aus ostdeutscher Produktion, das ließen kurz nach der Wiedervereinigung dann doch zu wenige Kunden springen. Der Strohhalm, an den sich Geschäftsleitung und Mitarbeiter klammerten, zerbrach. 1996 meldete RFT in Staßfurt Insolvenz an, die damals noch verbliebenen 450 Mitarbeiter verloren ihren Job.

Durchschlagenden Erfolg, der bis heute anhält, hat indes der Getränkehersteller in Gaensefurth. Dessen Gourmet-Linie, die in ausgewählten Restaurants der Region auf den Tisch kommt, wird seit 1997 in Flaschen abgefüllt, die der „Star-Designer“ Colani entworfen hat. Der vielleicht bekannteste Designer Deutschlands habe „mit unverkennbarer Handschrift ein Meisterwerk für den täglichen Genuss geschaffen. Schwungvoll, anschmiegsam, edel. Typisch Colani eben“, heißt es in der Firmen-Chronik.

Zwei Jahre später eroberte der Colani-Truck die Straßen in Sachsen-Anhalt. Seitdem wird das rund 18 Meter lange „Design-Meisterwerk auf Rädern“ für Promotion-Zwecke auf Tour geschickt.

Seine Entwürfe sind meist extravagant, mit großer Geste gezeichnet, mitunter genial, nicht immer praxistauglich. Er ist in den 70er und 80er Jahren zum Medienstar und besten Vermarkter in eigener Sache avanciert. Auf Schmähungen der Fachwelt hat er mit umso größerem Geltungsdrang reagiert – und einer gern zur Schau getragenen Arroganz. Laut und mit drastischen Worten hat er auf seinen Berufsstand geschimpft, sich gerne als Enfant terrible inszeniert. Heute klingt sein Zorn erschöpft.

Viele seiner eigenen Entwürfe – nach Colanis Angaben etwa 70 Prozent - blieben als Skizze in der Schublade, wurden nie mehr als ein Prototyp. Insgesamt beziffert er seine zu Papier gebrachten Ideen auf rund 4000 – „Entwürfe, aus denen gelegentlich Gegenstände wurden. Oder nur Träume“, erzählt er.

„Colani war für seine Umgebung eine Nummer zu groß und dachte zu schnell und zu weit voraus“, heißt es in einem Aufsatz des Designers Peter Friedrich Stephan zum Schaffen Colanis. Aber inzwischen erkenne man den visionären Charakter so mancher seiner Vorschläge, sagt Stefan Legner, Mitarbeiter für Produktdesign an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung (HfG). „Ich bin verkannt!“ – so sieht es Colani.

Über den Tod will er übrigens nicht sprechen. „Ich entstamme einer Familie von Hundertjährigen“, sagt er knapp. „Warum sollte man sich mit dem Sterben beschäftigen, wenn das Leben so viele Fragen stellt, die noch unbeantwortet sind?“