Halle l Im Flur hängt Kunst, hinter der Tür steht Kunst, über dem Sofa hängen Bilder, über dem Bett gegenüber ebenso und auch über und neben ihm. Selbst im Bad sind Bilder zu bewundern. Auf Tischen, Anrichten, Schränken liegen Medaillen, steht Kleinplastik. Doch das ist längst nicht alles, denn die Grafik liegt im Schrank. Sie macht zahlenmäßig den größten Anteil der Sammlung von Hans-Georg Sehrt (77) aus. Der Hallenser Kunsthistoriker (1942 in Halle geboren) hat mehr als 1000 grafische Blätter in 40 Jahren gesammelt, dazu Gemälde und Plastik.

Spricht man mit Hans-Georg Sehrt über das Sammeln, hört man keine spektakulären Geschichten, sondern viel Selbstverständliches. Zumindest für den Sammler Selbstverständliches. Denn es gibt bei ihm keine Strategie des Sammelns, keine Künstler-Star-Versammlung, keine Suche nach der ultimativen Geldanlage. Sehrt hat gekauft, was er kannte, bei seiner Arbeit kennenlernte, was ihm spontan gefiel. Als Hallenser, als Mitgründer und Vorsitzender des Halleschen Kunstvereins, als Ausstellungskurator und Kunstpublizist lernte er viele Künstler kennen und begeisterte sich für ihr Arbeiten und für die eine und die andere Arbeit.

Eine vielfältige Sammlung

Es könnte bei einem Fachmann Koketterie sein, wenn er behauptet, es ginge ihm beim privaten Sammeln allein um die eigenen Vorlieben. Aber wenn man sich die Sammlung von Hans-Georg Sehrt ansieht, hat man wenig Zweifel. Es gibt Stillleben und Figurenbilder, viele Halle-Ansichten und Landschaften, Abstraktes und Hyperrealistisches, Naiv-Plakatives und Zart-Zeichnerisches.

„Ich bin nicht festgelegt, denn ich bin Kunsthistoriker“, sagt Sehrt. „Das bedeutet für mich die Akzeptanz dessen, was in der Bildenden Kunst existiert. Ich habe nie verurteilt und nie meinen Maßstab angelegt, auch wenn nicht alle Kunst gleichwertig ist. Ich habe immer versucht, das Werk und den Künstler kennenzulernen, seine Ansatzpunkte zu verstehen und seine Beziehungen zur Kunst davor und daneben zu sehen.“ Maßgebend für sein Sammeln sei dieses „Nebeneinander von Verschiedenem“. Und „wenn es eine Intensität in den Werken gibt, die mich anspricht“.

Allein das große Doppelporträt von Norbert Wagenbrett, das Sehrt und seine Frau Eveline in schonungsloser Detailverliebtheit ein wenig wie Marionetten in einem Anstaltsflur zeigt, sticht heraus aus der Sammlung des ehemaligen Lehrers Hans-Georg Sehrt. Der interessierte sich schon im Deutsch- und Musiklehrerstudium für Kunst und hörte nebenbei Kunstgeschichte-Vorlesungen. Parallel zum Schuldienst promovierte er später in Kunstgeschichte, gab Kurse an der Volkshochschule und hatte einen Lehrauftrag an der Burg Giebichenstein – bis er 1981 stellvertretender Direktor des Kunstmuseums Moritzburg wurde.

Beamtenlaufbahn sichert stetiges Wachstum

Für die Freiheit, über Künstler zu schreiben und zu reden, kündigte er den Posten 1988 wieder. Nach 1989 wurde Sehrt Dezernatsleiter für Kultur. Die Beamtenlaufbahn sicherte der Sammlung stetiges Wachstum. Exzessiv war sein Sammeln nie. Verschulden musste er sich auch nicht, manchmal zahlte er einen Kauf nach und nach ab.

Aus der intensiven Beschäftigung mit einem Künstler für einen Katalogtext oder für eine Ausstellung entstand bei Sehrt Interesse, Begeisterung und der Wunsch, etwas von diesem Künstler zu besitzen.

Etwa von Sebastian Herzau, 1980 in Schönebeck geboren. Während der 2012 sein Diplom an der Burg Giebichenstein machte, schrieb Sehrt einen Text über ihn, besuchte ihn im Atelier, war begeistert und kaufte etwas. Von Zweifeln oder vom Zögern spricht Sehrt nie, vom Sammel- und Haben-wollen-Impuls häufiger.

Keine Kinder zum Vererben

Eine Lungenkrankheit zwang ihn in den letzten Jahren, kürzer zu treten. Für die Einrichtung einer bequemeren Wohnung musste er einige grafische Blätter verkaufen. Es ist genug geblieben. Doch – wie viele Sammler – haben Sehrt und seine Frau keine Kinder, so dass die Kunst nicht vererbt werden wird. Wohin sie gehen soll, weiß Sehrt, heute 77 Jahre alt, noch nicht. Das Kunstmuseum Moritzburg hat immerhin schon mal Interesse an der Sammlung angemeldet.

Das macht Hans-Georg Sehrt stolz. Aber das ist die Zukunft. Momentan kauft er weiter Kunst, wenn auch nur noch „ab und zu“. Eine der jüngsten Sammlungserweiterungen ist eine Aktzeichnung von Karl Erich Müller. Der Sammler hatte seiner Frau vorgeschlagen, sie sich gegenseitig zur Goldenen Hochzeit zu schenken, und sie habe – wie immer – erfreut zugestimmt.