Morgen startet "Rum Diary" in den Kinos: Johnny Depp spielt einen Journalisten Lauwarme Klischees statt Leidenschaft
In der satirischen Komödie "Rum Diary" strandet Johnny Depp auf Puerto Rico und trinkt zu viel. Der Film enstand nach einer Romanvorlage.
Berlin (dapd) l 1960 heuert der New Yorker Journalist Paul Kemp bei dem englischsprachigen Lokalblatt San Juan Star in Puerto Rico an. Bald merkt Paul, dass der Inselstaat zwei Dinge im Überfluss hat: Sonne und Rum. So scheint das Tropenparadies für den versoffenen Möchtegernschriftsteller wie gemacht. Doch ein dubioser Baulöwe und dessen attraktive Freundin kommen ihm in die Quere.
"Rum Diary" basiert auf einem Roman des berüchtigten Reporters Hunter S. Thompson und wurde von Hauptdarsteller Johnny Depp mitproduziert. Kemp darf anfangs nur Horoskope schreiben. Bald nimmt ihn Fotograf Sala unter die Fittiche und quartiert ihn in seiner heruntergekommenen Bude ein. Dort haust auch der paranoide Journalist Moberger, der den beiden Nachschub an Hochprozentigem verschafft.
So stünde Kemps beduseltem "dolce vita" nichts im Wege, würde er sich nicht mit Investor Sanderson beziehungsweise dessen atemberaubender Freundin Chenault einlassen. Sanderson will Saufnase Kemp als PR-Schreiber für ein dubioses Hotelprojekt engagieren. Doch der zieht aber nicht recht mit - und verliebt sich in die Blondine.
Johnny Depp spielte bereits in der kultigen Drogensatire "Angst und Schrecken in Las Vegas" von 1998 die Hauptrolle in einer Thompson-Verfilmung. Seitdem war der Star mit dem 2005 verstorbenen Autor befreundet. Depp überredete Thompson dazu, sein halb autobiografisches Manuskript "The Rum Diary", in dem Thompson im Alter von 22 Jahren seine Erlebnisse in Puerto Rico verarbeitet hatte, zu veröffentlichen.
Doch wer nun ein furioses "Angst und Schrecken"-Szenario erwartet, sieht sich leider getäuscht. Statt Witz und Leidenschaft serviert der Film lauwarme Klischees. Das karibische Abenteuer ist von allem etwas und nichts richtig. Das Problem wird bereits im Filmtitel offenbar: Die Handlung ist so unfokussiert wie der dauerverkaterte Antiheld. Thompson hatte wohl auch eine Anklage gegen ausbeuterische Amerikaner im Sinn, die Puerto Rico zur All-Inclusive-Urlaubskolonie machen und mit Hotelbunkern zupflastern wollten.
Doch davon abgesehen, dass für hiesige Zuschauer der Status des karibischen Freistaats als Anhängsel der USA unerklärt bleibt: Dem Film gelingt es nicht, die Ruchlosigkeit von Sandersons Projekt zu verdeutlichen. Das Unternehmen bleibt so diffus wie der Hang von Luxusweibchen Chenault (Nachwuchssternchen Amber Heard) zu Underdog Kemp. Mal fühlt man sich in einer Satire über die Klassenkonflikte zwischen "Gringo"-Glücksrittern und bitterarmen Latinos, mal in einer Suff- und Männerkomödie, in der sich verkrachte Existenzen in wilden Eskapaden austoben, und dann wieder im Intellektuellen-Selbstfindungsdrama, inklusive einer Romanze. Immerhin gelingt es Regisseur Bruce Robinson, eine Atmosphäre gereizten Müßiggangs zu erwecken.
Unterstützt wird er von farbigen Nebenfiguren wie Richard Jenkins als zynischer Chefredakteur oder Giovanni Ribisi, der einen Freak mimt. Doch ausgerechnet der Star schwächelt. Johnny Depp, mit cooler Sonnenbrille ausgestattet, borgt sich einige Manierismen aus seiner "Fluch der Karibik"-Piratenrolle, bleibt aber weitgehend teilnahmslos. Weder bei Kemps Herumsumpfen noch bei seinem Versuch, kritische Artikel zu lancieren, herrscht das Gefühl der Dringlichkeit - sondern eher das Gefühl, dass es gänzlich egal ist, was er tut und lässt.
Letztlich ist Depps ambitioniertes Projekt eine tropische "Hangover"-Version, oft schön schräg, oft aber so abgestanden wie ein Mojito mit geschmolzenem Eis.
"Rum Diary", USA 2011. 120 Minuten, FSK: 12, Regie: Bruce Robinson, Darsteller: Johnny Depp, Aaron Eckhart u.a.